Tötet nicht den Boten!

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September 19, 2012 von JoS

Letzte Woche Freitag schrieb Manfred Spitzer, Professor für Psychatrie an der Universität Ulm, in der FAZ einen Artikel zu seinem aktuellen Buch Digitale Demenz. Spitzer vertritt dabei die steile These, dass die Benutzung von Technik uns über kurz oder lang verdummen lasse. Dabei begeht er jedoch einen radikalen Fehler: Er vertauscht Medium und Botschaft.

Wenn Spitzer sagt, Organizer würden unsere Gedächtnisleistung abbauen, so, wie die Nutzung von Rolltreppen unserem Muskelabbau Vorschub leistet, da mag man ihm noch Recht geben. Auch zustimmen kann man ihm, wenn er über us-amerikanische Studien spricht, die zu belegen scheinen, dass ein rein digitaler Freundeskreis eher negative, ein analoger hingegen eher positive Gefühle weckt. Daraus ließe sich der Appell formulieren, öfter einmal vor die Tür zu gehen und Freude zu treffen, vielleicht auch mal ein gutes Buch zu lesen.

Doch genau an dieser Stelle beginnt es bereits. Für Spitzer zählt nur das Medium. Warum es sinnvoller sein soll zwei Stunden lang einen Groschenroman vom Bahnhofskiosk zu lesen, anstatt sich online durch einen internationalen Pressespiegel zu wühlen oder lieber Monopoly mit Freunden am Tisch zu spielen, als Schach über das Internet, kann Spitzer nicht erklären. Sein Buch habe ich nicht gelesen, nimmt man jedoch nur diesen Artikel, so sieht man sich mit einem fast trotzigen Pamphlet konfrontiert, dass jede notwendige Differenzierung der Kategorien und Gegenstände, über welche er spricht, missen lässt.

Besonders echauffiert sich Spitzer darüber, dass der Deutsche Computerspielpreis an ein, wie er es nennt, „Killerspiel“ vergeben wurde. Den fachlich korrekten terminus technicus Egoshooter fügt er lediglich in Klammern und mit Anführungszeichen an. Nach Ansicht des Psychaters erfülle es nicht die Vergabekriterien des Bundestages, welche den Anspruch stellen, dass das Spiel „qualitativ hochwertig, sowie kulturell und pädagogisch sinnvoll“ sein sollte. Über die Kompetenz des Herrn Spitzer in Sachen Gamedesign kann man nur mutmaßen, dass er jedoch unwissend über die Art des Spiels spricht wird deutlich, wenn er es als „Killerspiel“ abqualifiziert.

Zugegeben: Dass es Gewaltdarstellungen enthält, die eine FSK 18 nötig machen, schließt Jugendliche aus, aber dennoch: Es gibt zur Genüge Studien, die beweisen, dass der Gebrauch von Egoshootern das Teamwork steigert, ebenso die Hand-Augen-Koordination verbessert und das vor allem die Tötungsprozesse als so abstrakt gesehen werden, vor allem da Spieler auch einmal die Teams wechseln um einen Stärkeausgleich herzustellen, dass ein erhöhtes Gewaltpotential nicht festgestellt werden konnte. Andererseits: Wer schon einmal einen Menschen beobachtet hat, der beim Monopoly knapp verliert, der wird wissen, wie wütend Spiele machen können, auch analoge.

Was bleibt ist ein fader Nachgeschmack. Man kann E-Books mit Verweis auf das haptische und olfaktorische Erleben eines Buches ablehnen und dafür plädieren, dass sowohl Kinder und Erwachsene einmal vor die Tür und in die Natur gehen sollten, um sich ihrer Umwelt bewusst zu werden. Man kann sicher auch vor Internet- und Computersucht warnen. Dann sollte man Kindern jedoch früh einen angemessenen Umgang mit diesen Medien beibringen und nicht in Panik verfallen. Dass inzwischen überall Fernseher laufen beklagen übrigens deutlich weniger Leute alarmistisch. Genauso wenig, dass die BILD-Zeitung die auflagenstärkste Deutschlands ist. Das sind andere Medien, aber sie sind deutlich gefährlicher. Entsprechend ist es unangebracht den Boten zu töten, denn für die Botschaft kann er nichts.

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