Der Langzeitstudent – Eine Hommage

Hinterlasse einen Kommentar

Oktober 21, 2012 von JoS

Von Wittgenstein stammt die Bestimmung, dass die „Bedeutung eines Wortes […] sein Gebrauch in der Sprache“ sei. Das interessante an diesem Satz ist, die Bestimmung „ein Wort“. Gemeint ist nicht ein Ausdruck, sondern das Wort als solches. Dies bemerkt man auch bei dem legendären Langzeitstudenten. Dieses Kompositum beschreibt Studierende mit hohen Semesterzahlen und impliziert negative Konnotationen wie z.B. Faulheit oder Schmarotzertum. Nimmt man das Kompositum jedoch auseinander und benützt seine Bestandteile in einem anderen Kontext, so werden positive Assoziationen geweckt. Der Satz Ich habe lange zu diesem Thema studiert kann einem Argument durchaus Gewicht und Autorität verleihen.

Das Wort studieren leitet sich aus dem lateinischen studere ab, was sowohl mit Ackerbau betreiben übersetzt werden kann, wie auch mit sich um etwas bemühen. Das Studieren ist also ein produktiver Akt. Wer sich um etwas bemüht, der wendet Anstrengung auf. Im Kontext des wissenschaftlichen Studiums geht es hierbei um die Auseinandersetzung mit einem Problem. Diese lässt sich nicht immer zeitlich genau bemessen. Manche Probleme löst man schneller, andere langsamer. Manche verlangen mehr Aufmerksamkeit und Sorgfalt als andere.

Das negative Bild des Langzeitstudierenden hat sich in den vergangenen Jahren noch einmal massiv verschlechtert. Gemeint ist jetzt nicht einmal mehr der nette etwas ältere Herr im 40. Semester, der nur noch gelegentlich einmal seine Universität besucht, sondern schon jede*r Studierende, der, respektive die ein wenig nach links und rechts schaut und in diesem Kontext natürlich zwei oder drei Semester länger studiert. Dass er oder sie dabei ungleich produktiver ist als seine bzw. ihre Kommiliton*innen interessiert in den durchstrukturierten neuen Studiengängen nicht. Es ist nicht messbar.

Die auf Effizienz und Verwertbarkeit getrimmte neue Wissenschaftsideologie übersieht dabei leider den Kern der wissenschaftlichen Arbeit. Nämlich das Studium in seiner eigentlichen Bedeutung. Die neuen Studierendengenerationen sind durch ihre schulische Ausbildung auch bereits so in diesem Denken gefangen, dass sie dies nicht wahrnehmen. Wer das nicht glauben sollte, der möge sich einmal in der ersten Woche in verschiedene Veranstaltungen setzen. Inzwischen ist es nicht nur üblich die Dozent*innen zu unterbrechen, um zu fragen, wo sich denn die Anwesenheitsliste befinde, sondern auch die Vorstellung der Veranstaltungskonzeption um nach den genauen Voraussetzungen für den Scheinerwerb zu fragen.

Wenn in den nächsten ca. zwei Jahren die letzten Magister- und Diplomstudierenden die Universitäten verlassen haben, wird das Niveau der universitären Lehre massiv zusammenbrechen. Langzeitstudent*innen sind schon heute eine lebensrettende Maßnahme für das Seminar. Im Gegensatz zu ihren Modulgefangenen Kommiliton*innen bringen sie ein profundes Wissen in die Veranstaltungen ein und zeigen Interesse an dem Thema. Zudem hören sie in Vorlesungen lieber zu, als unüberhörbar laut zu reden.

Ein – von mir hoch geschätzter! – Dozent merkte im übrigen zu Beginn dieses Semesters an, dass die Gruppe in seiner Veranstaltung sehr heterogen sei. „Vom Dritten bis zum 27. Semester ist beinahe alles dabei. Vor allem letzteres freut mich.“ merkte er dazu an. Vielleicht bedarf es wirklich Auszeichnungen für Langzeitstudierende, wie sie ein Kommilitone von mir vorschlug. Das wachsende Desinteresse der Studierenden jedenfalls wird nicht dazu führen, dass Dozent*innen ihre Veranstaltungen mit großem Interesse abhalten. In dieser, sich gegenseitig verstärkenden, Spirale der Demotivation wird das Wissenschaftssystem dann endgültig untergehen. Außer es bleiben noch ein paar Langzeitstudent*innen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: