Anwesenheitspflicht als Sanktionierung – Wie stellen wir uns eigentlich eine Universität vor?

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November 23, 2012 von JoS

Im Laufe der „Global Week of Action“ (GWoA) habe ich in dieser Woche zwei Podiumsdiskussionen organisiert und betreut. Die eine beschäftigte sich mit dem Problem der doppelten Abiturjahrgänge, die zweite mit der Diskussion zu Anwesenheitspflichten. Interessanterweise kamen beide zu dem Punkt – und dies unabhängig von den Positionen der Podiumsteilnehmer*innen! – dass das Bachelor/Master-System sowohl Grund als auch deutlichstes Zeichen der Probleme im universitären Betrieb sei. Wie das?

Die Herleitung möchte ich vor allem über die These des Kunstsoziologen Christoph Hungeling bewerkstelligen, der den „Verfall der akademischen Sitten“ beklagte und dies sowohl auf die Studierenden, wie auch den Lehrkörper bezog. Anwesenheitspflichten, so Hungeling, seien damit vielleicht das letzte Sanktionsmittel. (Im allgemeinen sprach er sich jedoch dagegen aus.) Aber wie ist es denn nun, mit dem Verfall der akademischen Sitten? Im Bezug auf die weitere Diskussion zu einem Lehrstrategiepapier meines Prorektors für Studium und Lehre blickte ich heute noch einmal erneut ins Hochschulgesetz (HG) und fand dort unter § 58 Ziel von Lehre und Studium, Lehrangebot, Studienberatung einen ersten Satz, dessen Brisanz mir bisher kaum bewusst war. Laut dem HG nämlich, hat ein Studium zuerst folgendes zu leisten:

Lehre und Studium vermitteln den Studierenden unter Berücksichtigung der Anforderungen und Veränderungen in der Berufswelt und der fachübergreifenden Bezüge die erforderlichen fachlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Methoden dem jeweiligen Studiengang entsprechend so, dass sie zu wissenschaftlicher oder künstlerischer Arbeit, zur Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden in der beruflichen Praxis, zur kritischen Einordnung wissenschaftlicher Erkenntnis und zu verantwortlichem Handeln befähigt werden.

Zuerst genannt werden Anforderungen und Veränderungen in der Berufswelt, dann folgen wissenschaftliche Hinweise. Auch die Frage, wohin das Studium denn führen solle ist klar definiert, nämlich zur Anwendung […] in der beruflichen Praxis und erst im folgenden zur kritischen Einordnung wissenschaftlicher Erkenntnis und zu einem verantwortlichem Handeln. Doch wo entsteht hier der Zusammenhang zum Verfall der akademischen Sitte und dem Drang zur Sanktionierung? Die Antwort auf diese Frage ist banal, wenn man die Auftrennung des deutschen Wissenschaftssystems beachtet.

Das deutsche Hochschulsystem unterscheidet klar Universitäten von Fachhochschulen. Universitäten sind Institutionen der Grundlagenforschung und Ausbildungsstätte für den akademischen Nachwuchs. Fachhochschulen hingegen wirken berufsausbildend. Auch die Forschung an diesen Institutionen ist anders angelegt. Wie weit sich dies vermischt zeigt der erneute Ruf der Fachhochschulen nach dem Promotionsrecht und die Kritik der Politik, die Universitäten bildeten nicht arbeitsmarktkonform aus. Dass Fachhochschulen qua institutio keine wissenschaftlichen Titel vergeben können und Universitäten vice versa keine Ausbildungsstätten für „den Arbeitsmarkt“ sind, wird hierbei leider vernachlässigt.

Der Verfall der akademischen Sitten an der Universität ergibt sich also aus dem Missverständnis über die eigene Aufgabe. Die Universität steht somit an einem Scheideweg. Sie kann sich entscheiden, ob sie sich zur akademischen Ausbildungsstätte macht oder ob sie ihren Anspruch als Forschungseinrichtung aufrecht erhält. Dass damit kein akademisches l’art pour l’art gemeint sein kann, versteht sich von selbst. Dass die Ausbildungsansprüche, die gerechterweise an Fachhochschulen zu stellen sind, dann jedoch nicht für sie gelten können, ebenso.

Die zwei Richtungen, in die sie gehen kann, sind jedoch klar. Entweder sie entakademisiert weiterhin ihre Studiengänge – dann kann sie jedoch auch ihr Anrecht auf die akademische Freiheit nicht mehr aufrecht erhalten – oder sie pocht auf ihre Position – dann muss sie jedoch den Kampf gegen die entakademisierten Studiengänge endlich beginnen.

Wie der Ausstieg vieler Fakultäten aus dem CHE-Ranking zeigt, wird vielen Profesor*innen langsam klar, dass der Versuch der Anbiederung an die Marktkonformität dem Wissenschaftssystem großen Schaden zufügt. Gleichzeitig zeigt sich das Professorium jedoch ebenfalls sehr kampfesmüde. Hoffnung zum Umlenken liegt voraussichtlich nur im Mittelbau, welcher, marginalisiert und prekarisiert, das Geschehen nicht einfach hochdotiert aussitzen kann. Auf die Studierenden jedoch ist nicht zu bauen. Diese gucken nur auf den ersten Job und lehnen die Reflektion ihres eigenen Tuns entschieden ab.

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Ein Kommentar zu “Anwesenheitspflicht als Sanktionierung – Wie stellen wir uns eigentlich eine Universität vor?

  1. […] schon so manche Wahrheit hervorgebracht. Doch worum geht es hier überhaupt? In meinem Post Anwesenheitspflicht als Sanktionierung – Wie stellen wir uns eigentlich eine Universität vor?…berief ich mich erstmals auf den “Verfall der akademischen Sitten”, wie er auf einer […]

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