Rassismus als Bürgertugend

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November 25, 2012 von JoS

Die Studierendenzeitung ak[due]ll brachte in ihrer letzten Ausgabe einen Artikel zum Thema Antiziganismus in Duisburg. Unter dem Titel Wenn Rassismus schon da ist berichtete das Redaktionsmitglied Chantal Stauder über eine Bürgerbewegung, die sich offen rassistisch gegenüber Roma verhält. Der Konservativen kann das natürlich nicht gefallen, denn sie selbst übt sich gerne im offenen Rassismus. Dass der stellvertrende Vorsitzende des RCDS aber ein Mangel an Differenzierung beklagt und die Initiator*innen dieser Bewegung in Schutz nimmt, erzwingt grade zu eine Analyse des bürgerlichen Rassismus, der sich selbst noch als Tugend sieht.

Über den RCDS an der Universität Duisburg-Essen lässt sich einiges negatives berichten: Eine korrupte Vergangenheit, die nicht aufgearbeitet wird, Äußerungen, welche die Autonomen Nationalisten zu Lobhymnen anregen und hetze gegen Migrant*innen im Studierendenparlament. Der klassische rechte Wahnsinn. Die Äußerungen von Benedikt Körner jedoch sind noch anderer Natur. Sie kreuzen einen subtilen Rassismus mit totaler Unwissenheit und erheben Anspruch auf moralische Überlegenheit.

Konkret äußerte Körner im Zuge des Artikels, dass er „ein großes Problem darin [sehe], dass es von den rassistischen Ressentiments zu dem Satz über die Klagen der Bewohner erst zu der Unterschriftenaktion und fragwürdigen Aussagen kommt.“ Hintergrund dieses syntaktischen Rätsels ist die Behauptung, dass „schlicht sehr stark verallgemeinert“ würde, bei ihm der Eindruck entstünde, dass „sämtliche Anwohner dort kollektiv Rassisten sein“ und überhaupt sei der ganze Artikel vollkommen undifferenziert. Zuerst einmal muss man sagen, dass der Artikel darauf verweist, dass „viele“ und „einige“ Anwohner*innen rassistisch handeln würden. Herr Körner ist also entweder über die korrekte Verwendung des Wortes „kollektiv“ nicht informiert oder bedarf schlicht einer stärkeren Brille. Des weiteren folgt der permanente Verweis auf berechtigte Kritikpunkte. Zum Beispiel die Ruhestörung. Das Phänomen der Ruhestörung ist sehr interessant, weil es juristisch nicht klar umrissen ist und durchaus den Stand des zwischenmenschlichen Status zweier Parteien darstellen kann. Dem einen Nachbarn lässt man es durchgehen, wenn er mal lauter ist, dem anderen nicht. Entsprechend kann auch die Anzeige der Ruhestörung Ausdruck eines rassistischen Ressentiments sein: Man fühlt sich von den Fremden, und vor allem durch ihr Fremd-Sein, gestört.

Damit komme ich zur eigentlichen These dieses Beitrags, dem Rassismus als Bürgertugend. Die behauptete Selbstverständlichkeit des Bestehens des Problems in den Aussagen des Herrn Körner ist der Ausdruck dieser. Mittelpunkt der Beschwerde ist nämlich der vermeintliche Verursacher des Problems, nicht das Problem. Soll heißen: Problem ist nicht die Ruhestörung, sondern der Roma, der sie verursacht. Will man diese Prämisse nicht annehmen, bricht das Diskussionsmodell zusammen, denn dann würden sich die Einwohner*innen eines bestimmten Viertels zusammensetzen und über das Problem reden. De facto jedoch setzt sich ein Teil der Einwohner*innen zusammen um über einen anderen Teil zu reden. Wenn dies ethnisch konontiert ist, handelt es sich dabei um eine kulturchauvinistische oder rassistische Praxis. Und genau dies geschieht gerade in Duisburg.

Zur bürgerlichen Tugend wird dies, wenn man Verständnis für derartige Proteste aufbringt und sie nur auf Grund ihrer Methodik kritisiert. Das Problem ist nicht der Flugzettel oder die Unterschriftenaktion. Das Problem ist die Annahme, dass eine Gruppe auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit einen Problemfall darstellt. Das in Schutz-Nehmen der entsprechenden Individuen dient zuletzt nur dazu, dass rassistishe Denken – auch vor sich selbst! – zu verstecken. Wer, wie Innenminister Friedrich, zudem noch von Asylmissbrauch spricht, verschärft die Situation und vertieft die Ressentiments. Denn auch hier liegt eine kulturchauvinistische Annahme zur Grunde: Wir haben die überlegene Kultur und lassen Menschen daran partizipieren, wenn wir meinen, dass wir Ihnen die Hilfe nicht mehr absprechen können.

Das Bürgertum, vor allem das Kleinbürgertum, war in der Geschichte immer Träger ethnischer, kultureller oder nationalistischer Ressentiments; dies hat sich bis heute nicht geändert. Für Rostock-Lichtenhagen brauchte es keine Neonazis, es reichten die sittsammen Bürger*innen. In Duisburg zeigt sich eine Reproduktion dieses Diskurses. Wer, wie Benedikt Körner, diese Argumentationsstrukturen mit dem Verweis auf äußere Umstände apologetisiert, versucht rassistische Argumentationsstrukturen gesellschafts- und diskusfähig zu machen. Wenn er auch noch die Kritiker für ihre Kritik kritisiert, stellt er einen Prototyp für einen gefährlichen Typen Mensch dar: Sich selbst in seiner moralischen Überlegenheit sonnend und Reflektion ablehnend. Das ist gefährlich, denn hier wird Rassismus zur Bügertugend.

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2 Kommentare zu “Rassismus als Bürgertugend

  1. […] wenigen Tagen hatte ich einen Artikel mit dem Namen “Rassismus als Bürgertugend” publiziert und anhand von Kommentaren zu einem Artikel in der akd[due]ll rassistische […]

  2. […] an dieser Äußerung ist, dass sie gerade vom stellvertretenden Vorsitzenden des RCDS, Benedikt Körner, kommt. Davon ab, dass Körner anfang der Woche einen Antrag stellte, der klar offen legt, dass er […]

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