Der Verfall der akademischen Sitten: Teil 1 – Die Bibliothek

Hinterlasse einen Kommentar

Dezember 7, 2012 von JoS

Vorweg: Ja, hier wird es polemisch. Aber eine spitze Zunge hat bekanntlich schon so manche Wahrheit hervorgebracht. Doch worum geht es hier überhaupt? In meinem Post Anwesenheitspflicht als Sanktionierung – Wie stellen wir uns eigentlich eine Universität vor? berief ich mich erstmals auf den „Verfall der akademischen Sitten“, wie er auf einer Podiumsdiskussion durch den Kunstsoziologen Christoph Hungeling geäußert wurde. Hier beziehe ich mich genau auf diese These. Entstehen soll eine kleine Reihe, unregelmäßig erscheinend, zu Fällen eben jenes Verfalles. Beginnen möchte ich heute mit meinem Arbeitsplatz, an welchem ich gerade auch sitze: Der Bibliothek.

Bibliotheken sind mir, von klein an, als stille und ruhige Orte bekannt gemacht worden. Vor allem in Universitätsbibliotheken sitzen die Menschen über ihre Lektüre gebeugt, still und konzentriert. Wer diskutieren möchte, der findet in Cafés den besseren Ort. Dies hat sich inzwischen gewandelt. Gruppenarbeiten im heimischen Wohnzimmer? Keineswegs. Universität und Privates sollen nicht vermischt werden. Also sind die Bibliotheken dazu angehalten, Gruppenarbeitsplätze anzubieten. So weit, so gut.

Dass es dort, wo Menschen reden, lauter ist also dort, wo Menschen schweigen, wird wohl kaum überraschen. Wer jedoch meint, Studierende würden sich leise unterhalten, der geht fehl. Es ist stellenweise lauter als in einer vollbesetzten U-Bahn. Phänomene, welche noch dazukommen sind: Laut klingelnde Mobiltelephone, laut geführte Telephongespräche, wie auch die Nutzung von Boxen zum Hören von Musik. Wer meint, eine Ermahnung zur Ruhe würde die lautstarken Studis interessieren, geht ebenfalls fehl.

Ich musste in der Vergangenheit durchaus erleben, dass ermahnte Benutzer*innen unfreundlich oder sogar agressiv auf die Ermahnungen reagierten. Was man denn von Ihnen wolle, dies sei doch ein Bereich für Gruppenarbeitsplätze. Wer nicht zum Personal gehört wird durchaus auch in den sogenannten stillen Bereichen darauf hingewiesen, er oder sie solle sich nicht so anstellen.

Gewisse Formen des sozialen Umgangs, so zum Beispiel die leise Kommunikation innerhalb einer Bibliothek, gehören eindeutig in den Bereich der akademischen Sitte. Für Studienanfänger*innen mag gelten, dass diese sich erst eingewöhnen müssten. Das kommunikative Verhalten eben solcher Personen weißt jedoch darauf hin, dass sie dies überhaupt nicht beabsichtigen. Ein weiteres Symptom für das Desinteresse an der wissenschaftlichen Arbeit und den Gegenständen der selbigen? Ich denke ja. Doch wie reagieren? Vielleicht ist es angebracht, schnell Hausverbote auszusprechen. Wenn Studierende merken, dass ihr Verhalten an einer Stelle sanktioniert wird, die sie auch im Studium zu spüren bekommen – wenn sie zum Beispiel keine Bücher mehr ausleihen können – lassen sich gegebenfalls wirksam Verhaltensänderungen herbeiführen. Am Problem ändert das erst einmal nichts, aber auch Symptombehandlungen können ein erster Schritt sein. Weitere Symptome folgen in Kürze.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: