Gedenken und Verklärung

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Dezember 21, 2012 von JoS

Es ist in unseren Breitengraden ein interessanter Konsens, dass man über Tote nicht schlecht redet. Vor allem dann nicht, wenn sie gerade gestorben sind. Die ARD hat sich dies beim Tod von Peter Struck sehr zu Herzen genommen und in ihrem Nachruf garnichts kritisches verlauten lassen. Zwar wurde auch sein berühmtester Satz, nämlich, dass die „Freiheit Deutschlands […] auch am Hindukusch verteidigt“ würde, noch einmal rausgekramt, dann aber unkritisch stehen gelassen. Ich selbst durfte mir noch einige nette Kommentare zu Pietätlosigkeit und schämenswerten Verhalten (v.a. natürlich von Rechten) anhören. Aber wie ist das denn mit dem Tod und der Vita?

Die Vorstellung, dass Toten allen zu vergeben sei, ist recht fix zu widerlegen, wenn man versuchen würde die großen Diktatoren in Schutz zu nehmen. Stalin könnte man wegen seinen pathologischen Selbstzweifeln apologetisieren, Hitler wahrscheinlich genau so. Mitmachen würde das sicher niemand. Wenn dieses Extrem jedoch wegfällt, schwenkt die Sache schnell um. Hanns-Martin Schleyer eine Mehrzweckhalle widmen? Warum nicht? Er war zwar als Reichsstudentenführer glühender Nationalsozialist, aber was solls, er wurde von der RAF ermodert. Und Peter Struck?

Peter Struck hat eine Grenze überschritten, hinter die wir heute nicht mehr zurückkommen. Dank seines kleinen Satzes, ist jeder Auslandseinsatz der Bundeswehr zu rechtfertigen. Alles, was irgendwie ein deutsches Interesse sein könnte, kann auf den Schutz der Bundesrepublik als solche zurückgeführt werden. Praktiziert wird dies bereits in verschiedenen Fällen.

Außerdem, was ändert der Tod? Nun, für die lieben Christenkinder ist der gute Peter jetzt entweder im Himmel oder der Hölle (je nachdem, ob Gott grade eher auf neues oder altes Testament steht – wer weiß schon, wie volatil so deistische Stimmungslagen sind!). Für aufgeklärte Menschen verottet da jedoch nur ein Organismus, dessen vorherige Funktionsweise Einfluss auf das Geschehen in der Welt hatte. Darf man diese vorherigen Handlungen nicht kritisieren? Doch! Man muss sogar. Denn sonst beginnt man eine Verklärungsgeschichte, die unaufhaltbar ist.

Nur um es klarzustellen: Es geht hier nicht darum, dass Schröder, Kauder und Co. ein paar nette Worte über ihren ehemaligen Wegbegleiter verlieren; das ist sicher alles in Ordnung. Aber es geht darum, auch die kritische Aspekte, vor allem bei Personen des öffentlichen Lebens, klar zu benennen. Bei Struck ist dies vordringlich seine pro-bellizistische Einstellung. Wer dies ausblendet, verabschiedet sich aus einem angemessenen politischen Diskurs. Wer ihn ikonographisiert, z.B. durch die Nutzung seines Konterfeis als Facebookbild, macht sich unmöglich. Aber selbst die Christen wissen ja: „Beati pauperes spiritu quoniam iprosum est regnum caelorum.“ Amen!

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