Antifaschismus für Alle!

Hinterlasse einen Kommentar

Januar 25, 2013 von JoS

Was haben ein Dresdner Gerichtsurteil, das Buch Die kleine Hexe und die Debatte um ein erneutes NPD-Verbotsverfahren gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch dieser erste Blick trügt. Sie sind alle Teil eines neuen antifaschistischen Diskurses, welcher besagt: Wir können keine Rechtsradikalen sein und alle, die das anders sehen haben doch einen an der Klatsche! Als schlössen sich Bügertum und (neo)faschistisches Gedankengut semantisch aus. Doch woher diese steile These?

Beginnen wir mit dem besagten Dresdner Gerichtsurteil. Der Berliner Tim H. wurde anfang dieses Jahres zu 22 Monaten Haft verurteilt. Wegen Körperverletzung, besonders schweren Landfriedensbruchs und Beleidigung. Zu dem Fall schrieb ich bereits in Tatwaffe: Megaphon. Eine Begründung des Vorsitzenden Richters, welcher übrigens auch die umstrittene Telekommunikationsdatenerfassung genehmigt hatte, war, dass der Jahrestag der Bombadierung Dresdens „von beiden Seiten, Rechten und Linken, ausgenutzt“ würde. Genehm scheinen ihm jedoch die Menschenketten zu sein, welche bekanntlich schon so manchen Naziaufmarsch verhindert haben. Der aufrechte Bürger ist natürlich Antifaschist, aber er beweist dies mit Bier und Bratwurst, nicht mit Recherche- und Blockadearbeit. Wieweit Antifaschismus gehen darf, wird also durch jene festgelegt, die ihn lieber ignorieren.

Das Ignorieren von faschistischem Gedankengut zeigt sich auch bei der Debatte um die Streichung von diskrimierenden Bezeichnungen aus Kinderbüchern. In der ZEIT von letzter Woche gab es eine kleine Episode dazu, wie sich ein Buch dann läse:

»›Ein Baby!‹, riefen alle überrascht, ›ein schwarzes Baby!‹ – ›Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein‹, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.«

Frau Schröder würde übersetzen: »›Ein Baby!«, riefen alle überrascht, ›ein schwarzes Baby!‹ – ›Das dürfte vermutlich ein Baby mit schwarzer Hautfarbe sein‹, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.«

Herr Ärmel ist ein Mann von großer Güte und kleinem Verstand, aber so blöde dann doch nicht.

Abgesehen von allem stilistischen Unfug taucht hier aber auch ein ähnliches Phänomen auf. Faschistisches, oder in diesem Falle speziell rassistisches, Gedankengut wird nicht zum Gegenstand der Diskussion erhoben, sondern geflissentlich ignoriert. Wir sind eine offene Gesellschaft, es gibt zwar ein paar Leute, die das anders sehen, aber darüber muss man doch nicht reden. Alles was Anlass zur Diskussion gibt, wird weggelassen.

Bleibt noch das NPD-Verbotsverfahren. Interessant ist, dass die meisten etablierten politischen Parteien gerne so tun, als gäbe es in Deutschland eine Vereinigung, die rechtsradikales Gedankengut pflegte, und das sei die NPD. Dass die Strukturen in der neonazistischen Szene viel tiefer und komplexer sind wird gerne ignoriert oder oftmals garnicht gewusst. Diejenigen, und dazu gehören auch Leute wie Tim H., die darauf aufmerksam machen wollen, stören. Ein NPD-Verbotsverfahren ist auch deswegen so wichtig, weil Politiker*innen, die sich oftmals selbst offen rassistisch äußern (allen voran solche der CDU), sich antifaschistisch geben können. Ich bin Demokrat und damit gegen die NPD. Und damit soll dann auch einmal gut sein. Über Burschenschaften wird dementsprechend garnicht gesprochen, wie an anderer Stelle bereits marvster77 darlegte.

Der neue antifaschistische Diskurs, welcher eingangs behauptet wurde, zeichnet sich also dadurch aus, rechtsradikale und neofaschistische Tendenzen einfach zu ignorieren und dort, wo es zu Reibungspunkten und damit zu Artikulationsinteressen kommt, schnell nachzuhelfen bzw. den folgenden Diskurs selbst schnell zu delegitimieren. Das sagt einiges über unsere Gesellschaft. Unter anderem auch, dass die Aussage, wir lebten in einer offenen Demokratie eine blanke Lüge ist. Wir leben in einem parlamentaristisch verfassten Staat mit repräsentativer Demokratie. Aber das gilt nur für die Bürokratie. In unserem Denken sind wir nahezu preußisch geblieben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: