Naturwissenschaft, Technik und Ethik

Hinterlasse einen Kommentar

Februar 9, 2013 von JoS

Da ich kürzlich einen Essay mit dem Titel „Die Zivilklausel – Versuch einer philosophischen Apologetik“ geschrieben habe, möchte ich mich hier einmal mit dem Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Technik und Ethik befassen. In meinem Essay versuchte ich anhand der handlungstheoretischen Überlegungen Elizabeth Anscombes und weiterführend im Zuge einer kosequentialistischen Ethik, die Technikneutralitätsthese zu widerlegen. Das wirft überhaupt die Frage auf, welche Funktion Ethiker in einem Technikdiskurs haben.

Vorweg vielleicht eine kleine Feststellung zum Thema Ethik. Es geht hier nicht um kanzelschwere Predigten des ersten Standes, sondern um wissenschaftliche Ethik. Es geht um semantische Analysen und die Frage, was aus unseren bisherigen ethischen Postulaten folgt, welche konkret moralischen Handlungsaufforderungen normativer Natur sich daraus ableiten ließen und gegebenfalls, obi unsere bisherigen Postulate überhaupt hinreichend begründet sind. Letzteres wäre jedoch die Arbeit der Metaethik.

Ein großes Problem, vor welchem Ethiker oftmals stehen, ist, dass sie die Sachverhalte, zu welchen sie sich äußern, nicht in ihrer Gänze verstehen können. Da mag sich so mancher Neurologe noch so bemühen, ein medizinisches Studium ist oftmals nicht ersetzbar. Dies soll keinesfalls bedeuten, dass eine vollumfassende Kentniss zu einem Gegenstand bestehen muss, um diesen ethisch zu beurteilen, aber es genügt, um Ethiker abzuqualifizieren. Da, vor allem im deutschsprachigen Raum, Geistes- und Naturwissenschaften stark getrennt sind (man vergleiche dazu im anglophonen Raum, dass der Philosophical Doctor (Ph. D.) der Standartdoktor ist), ergeben sich jedoch solche Synergieeffekte selten.

Ein Problem, vor allem der Naturwissenschaften, ist dabei, dass sie selten Wissenschaftstheorie betreiben. Sie sind empirisch arbeitende, ergebnisorientierte Wissenschaften. Im Vergleich zu den Methodenwissenschaften, wie sie die meisten Geisteswissenschaften sind, denken sie nicht permanent über ihre Methoden nach. Das ist an sich nicht schlimm, bedarf aber einer Einmischung von außen.

Ich habe in dieser Woche einer Diskussion über Tierversuche beigewohnt. Was mir dort auffiel, ohne mich hier inhaltlich positionieren zu wollen, ist die Sprache der Biologen. Sie ist für ethische Aspekte nicht affin, weil sie Tiere permanent als Produkte darstellt. Versuchstiere werden produziert und vernichtet, es ist fast, als wäre die Biologie in ihrer Ansicht über die Umwelt bei Descartes stehen geblieben. Für ihre Arbeit als empirische Wissenschaft mag das nicht relevant sein, für die ethische Bewertung hingegen schon.

Philosophen, auch wenn man das zuerst nich annehmen mag, haben eine große Scheu vor öffentlichen Auftritten. Man mag dies kaum glauben, wenn man Philosophen wie Habermas erlebt, vielleicht auch Oskar Negt, oder den promovierten Literaturwissenschaftler Precht betrachtet. Gleichzeitig wird der ethische Diskurs von theologischen Phrasen beherrscht, Ethik somit fehlverstanden.

Es wird Zeit die Wissenschaftskultur in Deutschland zu ändern. Es geht nicht darum, interdisziplinäre DFG-Projekte en masse zu kreiieren, sondern sich öfter mal auf Podien zu treffen, biliteral miteinander zu reden und der Öffentlichkeit eine breitere Informationsbasis zu stellen. Der Posten des Ethikers in Technikdiskussionen darf nicht weiter durch die Theologen besetzt werden, die jeden technischen Fortschritt als widernatürlich bezeichnen. Er muss ernsthaft besetzt werden, sonst wird er zu sehr marginalisiert. Das kann auch nicht im Sinne der Naturwissenschaften sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: