Rehabilitierung á la Jauch

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März 26, 2013 von JoS

Es gibt gute Gründe, sich die Sonntagsabend Talkshow von Günther Jauch nicht anzusehen. Zum einen ist es das Unvermögen Jauchs, ernsthafte Themen zu präsentieren, seine zu wenig engagierte Moderation, seine schlechte Vorbereitung. Einiges davon kann man auf seine Redaktion schieben, aber sicher nicht alles. Am vergangenen Sonntag sah ich die Sendung dann doch einmal und mir fiel die Kinnlade runter. Deutsche erzählen, wie schlimm der Krieg für sie war und Sigmar Gabriel darf etwas aus seiner Kindheit zum besten geben. Kurzzeitig stand da die Frage im Raum: Ist das Satire?

An diesem Sendeformat kann man vieles kritisieren. Zum einen saßen keine Opfer in der Runde. Als Vertreter der Wissenschaft war ein Magister der Geschichtswissenschaft geladen, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Kreismuseum sitzt. Es gab die Betroffenheitscouch zu Beginn. Und Sigmar Gabriel.

Irritierend an dieser Sendung ist vor allem, wie unkritisch die Zeitzeugen erzählen durften. Wellersdorf zum Beispiel erzählt von seinem Einzug und stellt die rhetorische Frage, ob es denn eine andere Möglichkeit gegeben hätte. Die ehrliche Antwort, dass es Möglichkeiten wie desertieren, verstecken, fliehen oder sich dem Widerstand anschließen, gegeben hätte, bleibt man ihm schuldig. Zurück bleibt das Opfer. Der arme Deutsche, der in diesen grausamen Krieg musste.

Während Wellersdorf zumindest nach dem Krieg eine politische Kehrtwende vollzog, ist bei Elm Lalowski davon nichts zu spüren. Sie berichtet, wie schlimm es war, im Feldlazarett, und führt die Kriegsverbrechen der roten Armee an, die Überfüllung und die Unmöglichkeit, die Verletzten zu versorgen. Bei Lalowski klingt wieder dieses alte Schema durch. Die guten, rechtschaffenen Wehrmachtssoldaten, ausgesetzt dem Grauen der SS und der roten Armee. Die Kriegsverbrechen der stalinistischen Truppen sind sicher unbestritten. Es klingt auch so, als habe ihr Lazarett auf dem Berliner Alexanderplatz gestanden. Und nicht im Rücken der Ostfront.

Einzig der Einwurf von Moritz Pfeiffer, der den Stand der Wissenschaft zu repräsentieren hatte, holte die Sendung ein wenig aus dem braunen Einheitssumpf. Richtigerweise stellte Pfeiffer fest, dass nicht plötzlich Nationalsozialismus und Krieg war, sondern die Wurzeln woanders liegen. Im Nationalismus des 19. Jahrhunderts, in der Niederlage des ersten Weltkriegs.

Ebenfalls ungetrennt blieben Krieg und Holocaust. Krieg ist schlimm, natürlich, darum sollte man ihn nicht führen. Doch für einen Blick auf die Übel des Krieges muss ich nicht in die deutsche Vergangenheit schauen. Es reicht die Gegenwart. Die Frage nach antisemitischen Ressentiments blieb ungestellt. Alles schön auf Heldenpathos. Hätten sie versteckt? Ehrlicher die Frage: Hielten sie Juden eigentlich auch für schlechtere Menschen?

Natürlich musste abschließend auch noch kurz über die Frage diskutiert werden, ob es denn vernünftig zu sei, junge Menschen mit der Frage zu konfrontieren, was sie gemacht hätten. Pfeiffer sagt dazu, dass man diese Frage stellen könne, sie sei aber nicht zielführend. Richtig, denke ich auch. Man könnte aber eine andere Frage stellen: Wie handelst du heute? Und was die Unterstützung von Diktaturen, den deutschen Führungsanspruch und die Militarisierung nach Innen angeht, so wäre es Zeit allein durch das Wahlverhalten zu handeln. Wenn also in einigen Jahren bewaffnete Drohnen auf Demonstranten schießen wird wiederum einige Jahre später auch wieder jemand sagen: Was hätte ich denn tun sollen?

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