Bostoner Nachwehen

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April 21, 2013 von JoS

Was lehrt uns eigentlich der Anschlag auf den Bostoner Marathon? Er lehrt uns vielerlei. Zum Beispiel, wie merkwürdig die Sicht der US-Amerikaner auf die Welt und ihre Stellung darin ist. So sagte Präsident Obama: „Any time bombs are used to target innocent civilians, it’s an act of terror”. Oder zu deutsch: Jedes Mal, wenn Bomben genutzt werden, um unschuldige Zivilisten anzugreifen, ist dies ein Terrorakt. Dies ist insofern interessant, als das Robert Tylor vor etwa einem halben Jahr auf policymic feststellte, dass bei den Drohnenangriffen auf jeden getöteten Terroristen etwa 50 zivile Opfer kommen. Die USA als die größte Terrororganisation der Welt?

Zum anderen lehrt uns, wie schnell auch die deutsche Presse bei den alten Stereotypen anlangt. Die Tagesschau sprach von einem islamistischen Anschlag und in der ZEIT machte Josef Joffe dies zu seiner Grundthese. Nun kommen die beiden mutmaßlichen Attentäter wahrscheinlich aus Tschetschenien. Joffe mag seinen Schnellschuss auf Seite 1 vielleicht im Nachgang noch bereuen. Denn selbst wenn es ein religiös bedingter Anschlag gewesen sein mag; der kaukasische Islamismus ist mit dem arabischen wohl kaum zu vergleichen.

Das wiederum mag auch ein Grund dafür sein, dass Obama um Contenance bat, sich jede Form von Gruppendiskriminierung verbat. In einem Staat, in dem das racial profiling als anerkannte Polizeimethode gilt, ist diese Äußerung natürlich eine Farce, aber dennoch zeigt sie, dass der Rückgriff auf alte Stereotype schwieriger wird.

Schlussendlich zeigt der Anschlag auf den Boston Marathon jedoch vor allem, wie fixiert wir, als sogenannte westliche Welt, auf uns selbst sind. Anschläge passieren jeden Tag und über all in der Welt. Wenn sie stärker in das Licht der Öffentlichkeit rücken schaffen sie es durchaus sogar auf Seite 1 oder in die abendlichen Fernsehnachrichten. Einen Brennpunkt verdienen sie so selten, wie eine mehrtägige mediale Fixierung. Würden die mutmaßlichen Täter in anderen Ländern mit wilden Verfolgungsjagden zu Tode gebracht oder vernehmungsunfähig geschossen, man spräche von einer unterentwickelten Nation. In den USA spricht man nun von einem beherzten Durchgreifen.

Weiterhin ist er auch wieder ein dankbarer Moment für die Sicherheitshardliner, um sich in Position zu bringen. In Deutschland sind es vor allem die beiden CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich und Joachim Herrmann, beide ihres Zeichens Innenminister. Die Kamerabilder hätten die Täter schnell überführt, darum brauche man auch in Deutschland mehr Kameras. Hätten die Kamerabilder die Täter nicht aufgenommen, so wäre dies ebenfalls ein Grund für mehr Kameras gewesen; hätte man die Bilder nicht verwerten können, zumindest für bessere.

Boston darf kein Grund dafür sein, die Überwachung hochzufahren. Eher sollte über die Ursachen von Terrorakten nachgedacht werden, wie auch darüber, was wir als solche definieren. Betrachtet man den eingangs erwähnten Drohnenreport, so darf man sich doch auf die Einführung von Drohnen, wenn zuerst auch unbewaffnet, im Inland freuen. Innenminister Friedrich wird sich jetzt wieder dafür stark machen.

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4 Kommentare zu “Bostoner Nachwehen

  1. Wärter sagt:

    Der Satz „Any time bombs are used to target innocent civilians, it’s an act of terror” hat nicht den Inhalt, der ihm hier untergejubelt wird. „Used to target“ unterstellt eine Absicht, Zivilisten zu töten. Diese ist im Falle der USA mit dem Verweis auf getötete Zivilisten durch Drohnen nicht ausreichend belegt. Dass tote Zivilisten jederzeit in Kauf genommen werden, ist richtig, aber dass das Töten von Zivilisten das erklärte Ziel der Drohnen-Operationen sein soll, ist eine Unterstellung.

    Der Mann heißt Josef Joffe und hat so weit ich das sehe nur „Wenn es islamistische Terroristen waren…“ geschrieben. Und das ist ein Gedankenspiel, das so abwegig nun auch wieder nicht ist. Oder gibt es für den Vorwurf an Joffe und Tagesschau Belege?

    Auch verstehe ich nicht, wie die Vermutung, es handle sich um einen islamistischen Anschlag, unter Verweis auf die Unterschiede zwischen kaukasischem und arabischem Islamismus widerlegt werden soll. Das geht logisch nicht auf: „Kaukasischer Islamismus“ ist eben doch auch Islamismus. Auch inhaltlich bin ich skeptisch, ob die hier vorgenommene Kategorisierung verschiedener Islamismen Sinn ergibt. Was soll denn auch arabischer Islamismus sein? Arabisch/Arabien ist ein missverständlicher und ungenauer Sammelbegriff, kein analytischer Begriff, der dem Erkenntnisgewinn dient. Kein Wunder, dass der Begriff am liebsten zur Stigmatisierung sowie zur Simplifizierung und Kulturalisierung von Konflikten genutzt wird. Ich glaube wirklich nicht, dass man durch eine Ethnisierung dem Islamismus-Begriff inhaltlich was relevantes hinzufügt.

    Racial Profiling ist wohl in jedem westlichen Staat Teil des institutionalisierten Rassismus und gleichzeitig überall weitestgehend illegal. Das ist auch in den USA nicht anders, das Vorgehen ist da mitnichten „anerkannt“ in dem Sinne, dass es allgemeingültig legalisiert ist und politisch von der Regierung offen verteidigt wird. Sogar George W. Bush hat mal gesagt: „Racial profiling is wrong, and we will end it in America.“ In manchen Belangen (z.B. Ausweisungspflicht) ist die Situation in Sachen racial profiling und Repression etwa für illegale Einwanderer in Europa sogar ausgeprägter als in den USA.

    „Würden die mutmaßlichen Täter in anderen Ländern mit wilden Verfolgungsjagden zu Tode gebracht oder vernehmungsunfähig geschossen, man spräche von einer unterentwickelten Nation.“ Das ist Spekulation, ich glaube nicht, dass das so stimmt, aber die Diskussion ist wohl müßig. Ich frage mich nur, was jetzt genau das Problem daran sein könnte, dass die beiden mutmaßlichen Täter, die einen Wachmann erschossen hatten und Sprengwaffen bei sich führten, mit Gewalt gestoppt wurden? Und überhaupt, die Polizei hätte jede Chance gehabt, auch den zweiten mutmaßlichen Täter zu erschießen, hat es aber nicht getan, da hinkt die unterschwellige Unterstellung ein wenig. Das ist tatsächlich beherztes Durchgreifen, mehr aber auch nicht.

    • JoS sagt:

      Der Hinweis bzgl. Herrn Joffes wurde dankend angenommen. Sollte bezüglich des weiteren Kommentares eine inhaltliche Auseinandersetzung gewünscht sein, so nehme ich diese gerne vor.

      • Wärter sagt:

        Ja, klar.

      • JoS sagt:

        Zuerst einmal war der Satz zur USA als Terrororganisation in Frageform formuliert. Ich teile ebenfalls die Ansicht, dass es nicht vorgeblich darum geht, Zivilist*innen zu töten. Aber ich denke, dass 1.) nach rechtstaatlichen Normen (keine Verurteilung ohne Verfahren) Unschuldige exekutiert werden und, dass 2.) der Tod von „Nichtzielen/non-targets“ nicht nur wissentlich in Kauf genommen, sondern auch provoziert wird. Unter anderem durch die zwei Angriffswellen.

        Die Unterscheidung zwischem kaukasischen und arabischen Islamismus soll zudem keine ethnisierende, sondern eine geopolitische sein. Die politischen Hegemonien sind vollkommen anders verteilt, so auch die Einbindung in die nicht radikalisierte Bevölkerung. Dies hat auch zur Folge, dass die Vorgehensweisen zu differenzierern sind.

        In Bezug auf Racial Profiling stimme ich dir in Sachen Legalität zu, ich sprach aber von Anerkennung. Und ich denke, dass diese durchaus gegeben ist.

        In Sachen Täterüberführung verweise ich nochmal auf rechtsstaatliche Normen. Das hatte doch eher etwas von Lynchjustiz und deine Argumentation liest sich auch stark in die Richtung, z.B. wenn du sagst „die einen Wachmann erschossen hatten“, als würde das irgendeine normative Kraft in Sachen Gewaltanwendung haben.

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