Illegale Kulturschützer*innen

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April 22, 2013 von marvster77

 

Es können Wochen oder Monate ins Land ziehen in denen man denkt, dass man alle Argumente zu einem Themenbereich gehört und den Diskussionsgegenstand von allen Seiten betrachtet hat. Und dann gibt es Tage, die einem plötzlich einen komplett neuen Blickwinkel erlauben. So erging es mir als ich gestern einen Artikel auf giga.de gelesen habe. Die These war so radikal wie ungewöhnlich: „Raubkopierer*innen seien die Retter der Spielekultur“

„Raubkopier sind Verbrecher“ – so heißt eine Kampagne, durch die Öffentlichkeit für das Verbrechen Raubkopieren geschaffen werden soll. Denn seit dem 13.09.2003 werden Raubkopierer*innen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 5 Jahren bestraft. Diese Regelung führt zu paradoxen Gerichtsurteilen: Vergewaltiger kommen nicht selten schneller wieder auf freien Fuß als Raubkopierer*innen.

„Our body of copyright law makes a 19th-century-style legal assumption that the works in question will stay fixed in a medium safely until the works become public domain“, sagt Benji Edwards, der freier Journalist und Historiker zu gleich ist. Für Bücher gilt diese Aussage theoretisch. Unter den richtigen Umständen können Schriftstücke mehrere tausend Jahre überdauern, ohne dass ihr Inhalt unkenntlich wird.

Bei Spieledisketten sieht das wieder anders aus. Die Lieblingsspiele unserer Eltern oder noch von uns selbst wurden auf Disketten gespeichert. Natürlich kann man diese Sammeln und archivieren, allerdings hat dies eine gravierende Schwachstelle: Floppys haben nur eine Lebensdauer von circa. 30 Jahren. Danach ist der Inhalt für immer verloren. Auch im Zeitalter der digitalen Distributionen von Spielen über Dienste wie Steam, bei denen die Käufer*innen nicht einmal mehr eine CD/DVD oder geschweige denn eine Verpackung kaufen,  ist das (relativ) nahe Ende vorherzusehen. Die Spiele sind verloren, sobald diese Anbieter ihre Tore schließen müssen. Langfristige historische Sicherung sieht anders aus.

Die meisten Spiele- und Konsolenhersteller aus den 1980er sind pleite und produzieren keine neuen Produkte mehr. Das heißt, dass die Konsolen und die Spiele bereits verschwinden und mit ihnen ihr Zeitgeist. Denn Spiele sind genau wie Filme immer auch Produkte der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse, durch die sich viel lernen lässt. In 100 oder 200 Jahren werden sich Historiker*innen darum reißen anhand dieser Medien unsere heutige Gesellschaft zu untersuchen.

Und hier kommen Raubkopierer*innen ins Spiel.  Diese fleißigen Bienchen programmieren Emulatoren und digitalisieren Spiele, sodass sie selbst ohne das Vorhandensein von den originalen Spielen oder Konsolen für die Nachwelt erhalten werden. Aus historischer Sicht ist diese Distribution eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt, allerdings komplett illegal.

Was ist eigentlich das Schlimmste was Historikern, die eine bestimmte Zeitperiode untersuchen wollen, passieren kann? Die Antwort ist einfach: Ohne Quellen, keine Untersuchung. Aus diesem Grund wird im Geschichtsstudium ein besonderer Wert auf die Quellenarbeit gelegt.

Das Jahr 48 v. Chr. bringt viele wissensbegehrende Menschen zur Verzweiflung, denn dort ist einer der größten historischen Verluste aller Zeiten zu vermerken: Der Brand der Bibliothek in Alexandria. Dort sind mehrere tausend Schriftrollen und seltene Schätze der Antike in Rauch aufgegangen und somit für immer verloren. Man kann nur darüber spekulieren wie die Welt ohne diesen Brand aussehen würde.

Generell kann man sagen, dass ohne illegale Abschriften von Büchern die kulturelle Vielfalt eingeschränkt wäre. Denn es gibt immer wieder Herrschende, die Bücher und somit Denkweisen vernichten wollen. So wurden Bücher von Marx verbrannt, Galileo wurde von der katholischen Kirche geächtet, die selbst nur erstehen konnte, weil die Bibel illegal vervielfältigt wurde und sich somit auch das christliche Gedankengut verbreiten konnte.

Aber was bedeutet das alles nun? Sollen Raubkopierer*innen weiter kriminalisiert werden? Diese Frage lässt sich so einfach nicht beantworten, denn die meisten Raubkopierer*innen machen dies aus klaren wirtschaftlichen Interessen, aber eben nicht alle. Eine Möglichkeit wäre das Copyright für diese Medien auf kürzere Zeit als es heute der Fall ist zu beschränken oder man erlaubt den jeweiligen Landes- und Nationalarchiven die Digitalisierung vorzunehmen bzw. man sendet ihnen spezielle Exemplare, die nur dem Zweck der Archivierung dienen.

Denn kaum etwas ist schlimmer als der Verlust von Kultur und Wissen.

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