Der Verfall der akademischen Sitten – 2. Teil: Die Vorlesung

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April 26, 2013 von JoS

Manche sagen, dass Vorlesungen eine veraltete und unnütze Veranstaltungsart seien. Man kann das historisch durchaus begründen. Damals, noch vor der Erfindung des Buchdrucks, war dies die einzige Möglichkeit Wissen unter möglichst viele Studenten zu bringen. Und heute? Da steht doch alles im elektronischen Semesterapparat, es gibt einen Verweis auf Bücher, die man ja lesen kann  und überhaupt. Dem kann man durchaus zustimmen und es sollte entsprechend auch keine Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen bestehen.

Aber Vorlesungen können auch anders sein. Es gibt Wissenschaftler*innen, die in ihren Vorträgen zu begeistern wissen. Anekdotenreiche Erzähler*innen die Aspekte neu beleuchten und Interesse an Bereichen wecken können, die zuvor als uninteressant abgestempelt wurden – mir geht dies in der Mediävistik immer wieder so. Natürlich gibt es Vorlesungen, die so schlecht sind, dass man die Zeit besser mit der Lektüre verbringen könnte. Das sagt jedoch nichts gegen die Form.

Wer meint, eine Vorlesung bestünde aus einem 90-minütigen Monolog, aus dem man die wichtigsten Fakten mitschreiben sollte, um gesichertes Wissen zu erlangen, der irrt. Vor allem die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sind Fächer, in denen es nichts richtiges zu verkünden gibt, sondern Theorien und Bewertungssyteme kritisch miteinander verglichen werden müssen. Darum hat sich in diesen Fachbereichen auch die Sprachwendung des Diskutierens durchgesetzt. Theorien werden nicht vorgestellt, sondern diskutiert. Ihre Gegenpositionen werden dargestellt, Nachfragen und Meinungen sind auch im Vorlesungsbetrieb erwünscht.

Doch hier ergeben sich Probleme. Innerhalb der Leistungsnormativität der neoliberalen Hochschule ist Wissensaneignung ohne direkte Wertumsetzung (Punkte und Note) kontraproduktiv. Entsprechend versuchen die meisten Studierenden um die Vorlesungen drumherumzukommen. Und wenn sie drinsitzen, dann langweilen sie sich. Die Informationsflut, welcher wir ausgesetzt sind, hat nachhaltig unsere Konzentrationsfähigkeit gestört. 90 Minuten konzentriert zuhören ist da nicht drin. Und überhaupt sind wir alle immer im Stress.

Eine Entwicklung, die mir in den letzten Semestern immer negativer auffällt, ist diese andauernde Ungeduld. Nicht, dass Alle immer interessiert gewesen wären oder nie jemand gequatscht hätte; doch der Lautstärkepegel nimmt zu. Vor allem in Großveranstaltungen, in welchen die Mikrofonanlage dazu führt, dass die Dozierenden den Pegel selbst nicht so stark bemerken, ist dies zu beobachten. Warum sitzen diese Menschen dann in Vorlesungen? Es ist wie in der Schule, man trifft hier eben seine Freunde. Und noch etwas ist wie in der Schule: Die Eltern schauen auf den Stundenplan und wecken ihre Zöglinge auf.

Diese Unselbstständigkeit zeigt sich generell im Verhalten vieler Studierender. Die schlimmsten Wörter, die Dozierende von sich geben können sind: „Abschließend, zum Schluss, die letzte Folie, lassen sie mich noch zwei Sätze sagen.“ Ab dem Moment ist ein Zuhören ausgeschlossen. Es wird einpackt, Tische schnappen hoch, der Redepegel wird lauter und zumeist wird man schon aus der Reihe gedrängt, noch bevor man seine Notizen zugeklappt hat. Das Klopfen auf den Tisch, eine bewährte akademische Sitte, um den Vortragenden Dank auszusprechen, nimmt dabei auch immer weiter ab. Das in einem vollbesetzten Hörsaal kaum noch zwanzig Leute Klopfen, weil der Rest schon zur Tür raus ist, ist mein persönlicher Höhepunkt dieser Entwicklung.

Vorlesungen sind ein guter Gradmesser zur Beobachtung des Interesses von Studierenden an den Inhalten ihres Studiums – gerade zu Beginn. Hier beginnt die erste Orientierungsphase, die spätere Schwerpunktsetzung entwickelt sich sukzessive, alles ist neu und sollte somit eigentlich spannend sein. Stattdessen verbringt man Unmengen an Zeit mit Prüfungsmodalitäten und anderen organisatorischen Fragen.

Wer die Vorlesung nicht ehrt, ist das Seminar nicht wert. Wer meint wissenschaftliche Auseinandersetzungen seien unspannend ist an einer Hochschule so richtig, wie ein Holzallergiker in einer Tischlerwerkstatt.

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