Meine säkulären Gefühle

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Juni 19, 2013 von JoS

Diskussionsgegner*innen, denen gar nichts mehr einfällt, hilft immer noch der Rückgriff auf die Verletzung ihrer religiösen Gefühle. Auf diese Weise kann vor allem verhindert werden, dass betreffende Personen sich mit dem Gegenstand, über denen sie sich beschweren, auseinandersetzen müssen. Schwierig ist dies, weil offensichtlich nur Anhänger*innen gewisser Weltanschauungen Gefühle haben. Pastafaris, die sich gegen das öffentliche Verspeisen von Spaghetti stellten, kämen wohl nicht weit.

Auch ist die Begründung schwierig. Mit welchem Recht darf ein Mensch sich gegen Kritik wehren? Natürlich, beobachtet werden hier die Methoden. Aber die Vorstellung, dass ein Kantianer ein Comic, welches sich über Kant lustig macht, aus Gründen der Verletzung seiner weltanschaulichen Gefühle verbieten lassen wollte, erscheint doch sogar jenen absurd, die sich vielleicht für eine Beibehaltung einer solchen Rücksichtnahme aussprechen.

Problematisch wird dies vor allem Dingen dann, wenn Orte, die als aufklärerisch und progressiv gelten, von diesem Phänomen heimgesucht werden. Passiert ist dies jetzt an der UDE. Am Essener Standort der Universitätsbibliothek stellten Studierende Poster aus. Darunter auch solche von Craig Thompson und seines letzten Werkes Habibi. Dieses Plakat hängt nun nicht mehr. Der Grund: Eine Gruppe junger Muslime fühlte sich in ihrer religiösen Gefühlen verletzt.

Dass es gerade Moslems waren ist für den Sachverhalt uninteressant. Alle drei monotheitischen Religionen sind in ihrem Aufbau reaktionär und autoritär. Christentum und Islam teilen sich wahrscheinlich eine maximale patriachale Struktur. Doch relevant ist überhaupt ein Fakt: Die wissenschaftliche Arbeit, in dem Fall auch die Kunst, muss einem religiösen Gefühl weichen. Dass man an religiösen Orten nicht unbedingt religionkritische Kunst ausstellen muss – wobei dies natürlich aus wissenschaftlich-kritischer Sicht wünschenswert wäre! – steht außer Frage. Aber das eine Bilungseinrichtung dem weicht, ist doch erschreckend.

Gerade dieser Fall interessiert mich, weil er die reflexhafte und unreflektierte Art dieses Verhaltens zeigt. Die betreffenden Personen wollten den Begleittext zu den Zeichnungen nicht lesen und auch jede Auseinandersetzung mit dem Werk wurde verweigert. Und hier liegt auch das Fehlverhalten der Bibliothek. Man hätte eine Auseinandersetzung anbieten müssen. Es gibt sicher genug Leute, die sich zu Thompson äußern können. Die Kurator*innen der Ausstellung vorneweg.

Die Grundlage jeden wissenschaftlichen Arbeitens ist das permanente Hinterfragen seiner eigenen Hypothesen, seiner Axiomatik. Wer genau diese Methoden verweigert, ist an einer Universität falsch. Dass eine Universität, in diesem Falle vertreten durch ihre Bibliothek, dieses Verhalten selbst nicht vorlebt, beleidigt meine säkulären Gefühle. Es beleidigt meinen Verstand und meine Reflektionsfähigkeit. Es beleidigt meine Versuche zu verstehen und mein Bemühen um Erklärung.

Mit dem gleichen Recht, mit dem religiöse Menschen eine kritische Auseinandersetzung mit Religionen an Orten der Wissenschaft unterbinden können, könnten säkuläre auch die unkritische Ausübung religiöser Praktiken in religiösen Stätten unterbinden. Das würde aber wahrscheinlich wieder religiöse Gefühle verletzen.

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14 Kommentare zu “Meine säkulären Gefühle

  1. […] umstritten. So veröffentliche AStA-Hochschulpolitikreferent Daniel Lucas auf seinem privaten Blog einen Artikel, in dem er sich künstlich darüber empört, dass auf seine „säkularen Gefühle“ keine […]

  2. […] Es müsse eine Debatte über antimuslimischen Rassismus geführt werden, fordert der Kollege von der akduell. Eine Stellungnahme des ASta-Hochschulpolitik-Referenten Daniel Lucas sieht er kritisch. Dieser schreibt dazu, die Angelegenheit beleidige seine säkulären Gefühle: […]

  3. […] Gefühle”), der AStA-Hochschulpolitikreferent Daniel Lucas auf seinem privaten Blog (“Meine säkularen Geühle”), sowie der Journalisten-Blog ruhrbarone.de (“Religionsstreit an der Uni […]

  4. Erol Bulut sagt:

    Nunja, an sich sollte das ja nicht sein, aber es sollte auch nicht sein, wenig schlau um eine Begebenheit zu reden, diese verurteilen zu wollen, aber mit keinem Wort zu erwähjnen, warum es wirklich ging. Nämlich um die Darstellung einer Frau, die gerade von einem „Araber“ vergewaltigt wird, wobei dieses Bild die Überschrift Allah trägt.

    http://akduell.de/2013/06/verletzte-gebote-verletzte-gefuhle/

    Warum dies hier in der künstlichen Empörung keine Erwähnung findet, tja, das wird seine Gründe haben, die sicher nicht in dem Wunsch nach Transparenz liegen. Oder sollte wenn ein Christ, der wegen dem Anblick eines Posters, auf dem ein Pope ein Kind vergewaltigt mit der Überschrift „Christ“, dieses abhängt, auch OHNE jeglichen Hinweis auf den Inhalt des Posters verurteilt werden.

    Wie auch immer, in einer Privaten Ausstellung wäre dies wohl kein Problem, aber öffentlich in einer staatlichen institution sind auch der künstlerischen Freiheit Grenzen gesetzt, vor allem wenn es so ein hetzerisches Klischee betrifft, dass sogar das Originalwerk anscheinend entfremdet.

    • JoS sagt:

      Der Hinweis auf den Inhalt ist mit Verweis auf die Werkrezension durchaus gegeben. Und ja, wenn ein solches Bild abgehängt würde, lediglich im Verweis auf die Verletzung religiöser Gefühle, empfände ich das als ebenso schlimm. Welche Ideologie mit Letztbegründung auf einer epistemischen Leerstelle sich auch immer echauffiert – ich halte das Argument für ungültig.

    • Andi sagt:

      Die Kritiker sollten sich erst mal mit dem Ausstellungstext und bestenfalls dem Originalwerk selbst auseinander setzen. Und wenn das Einzelbild – eine Zeichnung, mehr nicht – dann immer noch stört oder Gefühle verletzt, sollte der Dialog mit den Kuratoren/Ausstellern gesucht werden. Das besagte Poster zu zerstören ist ein Affont gegen jede Art von Kunstfreiheit und erzeugt bei vielen Menschen leider nur eins: Vorbehalte gegen den Islam und seine (radikaleren) Anhänger, die ihre Befindlichkeiten über eine demokratische Diskussionskultur stellen. Und das ist wirklich traurig.

  5. Andi sagt:

    Ein guter Kommentar, der das bedenkliche vorauseilende Gehorsam von Bildungseinrichtungen, Politikern und Medien gegenüber Religionen und die Angst vor „verletzten religiösen Gefühlen“ auf den Punkt bringt. In einer säkulären Demokratie dürfen derartige, handgreifliche Kunst-Zensuren nicht geschehen und schon gar nicht von der ausstellenden Institution toleriert werden. Darüber zu diskutieren und sich mit Worten streiten ist in Ordnung, aber Ausstellungsobjekte, die einem nicht genehm sind, zu zerstören, geht gar nicht und zeigt nur, wie sehr eine autoritäre Religion das freie, kritische Denken verhindert und radikalisiert.

  6. bleistift sagt:

    Guter Artikel!

  7. thomas sagt:

    Hömma, du hast doch keine Ahnung von Pastafarians – natürlich dürfen Spaghetti öffentlich gegessen werden, ABER NICH MIT GABEL UND LÖFFEL, NUR MITTE HÄNDE – du gehörst wohl auch zu den vom wahren P. abgefallenen??

  8. Krösus sagt:

    Mir gefallen zB Burkas, Niquabs und Tschadors nicht. Sie beleidigen mich und mein freiheitliches Frauen-/Menschenbild. Ich gehe aber nicht hin und schnippel da einfach n Stück von ab oder reiße es den Damen wutentbrannt herunter. Nein, ich ertrage diesen Anblick. Bzw. ich habe ja immernoch die Möglichkeit wegzuschauen und meinen Blick erfreulicheren Dingen zuzuwenden.

  9. Markus sagt:

    Die ganze Sache hat nicht mit Verletzung religiöser Gefühle zu tun. Die Studentin die das Bild zerstört hat hat wohl ein rassistisches Motiv!

    http://www.taz.de/Streit-um-Comic-Ausstellung-in-Essen/!119282/

    • JoS sagt:

      Es handelt sich um zwei verschiedene Bilder. Bei dem ersten Bild, auf welches ich mich in dem Artikel bezog, ging es klar um religiöse Gefühle. Das zweite Bild, auf welches sich die taz bezieht, ist auch erst Tage nach meinem Artikel angegangen worden.

      • Markus sagt:

        Danke. Bei Zweiten lesen des taz-Textes habe ich es jetzt auch richtig verstanden. Nichtsdestotrotz muss da jetzt gehandelt werden. Für Rassismus darf nirgendwo Platz sein. Ich hoffe die Verantwortlichen werden durchgreifen. Ich bin Student in Bochum, wie sieht es in Essen-Duisburg mit antirassistischen Gruppen aus?

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