Der Verfall der akademischen Sitten – 4. Teil: Promotionsrecht für FHs

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September 30, 2013 von JoS

Das LandesAstenTreffen in Nordrhein-Westfalen (LAT-NRW) hat in einem Papier zum Hochschulzukunftsgesetz (HZG) das Promotionsrecht für Fachhochschulen (FH) gefordert. Bisher liegt das Promotionsrecht allein bei den Universitäten. Was zuerst nach einer Abschaffung veralteter Privilegien klingen mag, stellt eine massive Veränderung des deutschen Wissenschaftssystems dar. Wer Verteidiger*innen des Promotionsprivilegs „Standesdünkel“ vorwirft, verkennt das Problem.

Die Promotion nämlich ist eine Forschungsleistung. Zwar wird den Fachhochschulen inzwischen auch eine Forschungsaufgabe zuerkannt, diese ist jedoch radikal zu unterscheiden von universitärer Forschung. In meinem Beitrag Unterricht und Lehre habe ich bereits etwas zum Thema der akademischen Qualifikationsschriften und der Bedeutung der Lehre gesagt. Hieran möchte ich anschließen. Denn für Fachhochschulen gilt ganz klar, dass sie ausbildende Institutionen sind. Sie stehen mit ihrer Aufgabe zwischen der betrieblichen Ausbildung und dem universitären Studium. Auf Grund dieser Schanierstellung vergeben sie auch akademische Abschlüsse und keine Meister oder Gesellenbriefe. Und aus diesem Grund promovieren sie aber auch nicht.

Was die universitäre Forschung stark macht, ist das klare Abwehrrecht der Freiheit der Forschung. Diese Freiheit bedeutet auch eine Unabhängigkeit von wirtschaftlicher Verwertbarkeit. Bei Fachhochschulen sieht dies anders aus. Diese bilden explizit für den Arbeitsmarkt aus und sind entsprechend eng mit Firmen verbunden. Für eine Institution, die ausbildet, ist dies eine durchaus positive Angelegenheit. Für eine Institution, die unabhängig forscht, wäre dies ein Genickbruch. Hier beißt sich die Katze also schonl wissenschaftstheoretisch in den Schwanz.

Doch erst im Umkehrschluss zeigt sich das Problem in seiner vollständigen Tragweite. Seitens der Politik wird gegenüber den Universitäten bereits heute gerne darauf verwiesen, wie drittmittelstark und wirtschaftsnah die FHs seien. Der dabei artikulierte Vorwurf: Warum seid ihr das nicht? Bisher konnten die Universitäten auf die Freiheit von Forschung und Lehre pochen. Wenn jedoch die Forschungsleistung in Bereiche transferiert wird, in denen sie von den Zielen der Wirtschaftsunternehmen abhängt, ist diese Freiheit aufgegeben.

Was ergibt sich in letzter Konsequenz daraus? Zuerst einmal müssen wir feststellen, dass ein Promotionsrecht für die FHs die Universitäten in eine marktwirtschaftliche Konkurrenzlage bringt. Die Akquise von Drittmitteln wird noch stärker in das Zentrum der Betrachtung gerückt werden. Dies bedeutet für „unwirtschaftliche“ Lehrstühle aber auch, dass sie der Vakanz oder Umwidmung preisgegeben werden. Ähnliches wird sich in der Lehre vollziehen. Der Begriff der Lehre wird vollständig aufgegeben werden müssen. Auch Universitäten werden endgültig zur Ausbildung für den Arbeitsmarkt gezwungen werden.

Das Promotionsrecht für FHs, so klein es als Entscheidung auch wirkt, hat also große Auswirkungen. Im Prinzip ist es eine marktradikale Forderung, die Forschung nach ihrer Verwertbarkeit auszurichten. Dies würde zu einer intellektuellen Verarmung führen und steht jedem Anspruch nach kritischem Denken entgegen. Aus einem Missverständnis des Egalitären wird somit Ungleiches gleich behandelt – mir verheerenden Konsequenzen. Man kann nur hoffen, dass diese Forderung kein Gehör finden wird.

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