Der Verfall der akademischen Sitten – 5. Teil: Top-down Beschwerden

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Oktober 28, 2013 von JoS

Es ist, so muss man zugeben, kein universitäres Steckenpferd. Aber dennoch: Erwartet man vom Mikrokosmus Hochschule nicht ein wenig mehr Intelligenz als von der Breite der Springerrepublik? Wenn geneigte BILD-Leser*innen Kanzlerin Mutti die I. via Mail darüber informieren, dass der Nachbar die Hecke nicht schneidet, so kann man dies doch durchaus noch verstehen. Aber warum sind selbst Studierende nicht mal in der Lage, Probleme an der Stelle zu lösen, wo sie entstehen?

Konkret geht es hier um eine Anwesenheitsliste. Diese geht vermeintlich in einer Vorlesung herum – das wäre rechtswidrig bzw. dürfte die erhobene Anwesenheit keine studienrechtlichen Nachteile bedeuten. Dass sie aus statistischen Gründen interessant sein kann, zum Beispiel in der Frage, wie Anwesenheit vund Noten zueinander stehen, sei hier einmal dahingestellt. Das sind alles Dinge, die man erfragen könnte, nämlich bei jenem Dozenten, der sie ausgibt.

Aber nein, man geht lieber nach ganz oben. Überspringt beinahe zehn Ansprechpartner*innen und landet an der Ombudsstelle. Die schickt zur Antwort was? Natürlich, einen Auszug aus der Prüfungsordnung. Was soll man auch mehr tun? Ombudsstellen sind da, um Streitigkeiten zu schlichten, bevor eine juristische Auseinandersetzung angegangen werden muss. Doch hier liegt kein Streit vor, da eine Partei nicht einmal von dem potentiellen Konflikt informiert wurde. Es ist, als stritten sich zwei Nachbarn über die adäquate Heckenhöhe, ohne jemals darüber zu reden.

Die zunehmende Unselbstständigkeit der Studierenden zeigt sich hier sehr deutlich – und dramatisch. Wer nicht einmal mehr in der Lage ist, mit seinen Dozent*innen zu sprechen, ist offensichtlich nicht in der Lage, Probleme da zu lösen, wo sie entstehen. Wer stattdessen auf einen Apparat hofft, der das für ihn erledigt, entmündigt sich zudem noch. Vor allem dann, wenn man selbst nicht bereit ist, an diesem Apparat, den man offensichtlich für wichtig hält, zu partizipieren.

Hochschulen sind inzwischen Einrichtungen mit stellenweise sehr niedrigen Schwellen. Manche*r Lehrstuhlinhaber*in dutzt sich ganz natürlich mit den SHKs und auch zwischen Studierenden und akademischen Mittelbau gibt es durchaus freundschaftliche Beziehungen. Die vier Statusgruppen sind in fast allen Gremien vertreten, Studierende sitzen sogar in Habilitationskommissionen. Zumindest sehen das die Ordnungen vor. De facto finden sich kaum Studierende, die diese Aufgaben übernehmen wollen. Ein mühsam erkämpfter demokratischer Apparat rottet vor sich hin. Stattdessen versucht man es top-down: Für gewöhnlich erfolglos.

Wer nicht in der Lage ist, sich mit seinen Dozent*innen über Prüfungsfragen zu unterhalten, wer noch vor der Einsicht von Prüfungsarbeiten gegen Noten klagen will und wer alle Verantwortung zur Auseinandersetzung von sich schiebt ist an einer Hochschule, vor allem an einer Universität, eigentlich falsch. Bedauerlicher Weise setzt sich dieser Trend fort. So wird auch die Universität zum Springerkosmos. Uninformiertes meckern, statt informierten Engagement. Na, zum Glück steigt die Akademiker*innenquote.

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