Das Jahr 2013 in Büchern

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Januar 23, 2014 von JoS

Eigentlich ist dies ein Neujahrspost, aber gewisse Umstände haben das verhindert. Dennoch möchte ich auch dieses Mal eine kommentierte Leseliste publizieren. Ich kann schon einmal im Voraus festhalten: Es ist eine quantitativ ein bisschen und qualitativ noch ein bisschen geringere Steigerung zum Vorjahr. Aber gehen wir einfach mal ran:

1.Mirko J. Simoni – Hera

Das erste Buch des Jahres wurde mir quasi oktroyiert und war auch direkt ein Reinfall. De Sade ohne intellektuellen Tiefgang, Sadomasochismus aus der Groschenromanabteilung. Und ganz viele Markennamen. Vollkommen uninteressant.

2. Christian Schmidt – Wir sind die Wahnsinnigen

Auch das zweite Buch wurde mir nahezu oktroyiert, aber in diesem Falle kann ich nur dankbar sein. Christian Schmidt ist ein ehemaliger Titanic-Redakteur und hat die Geschichte um Joschka Fischer sehr amüsant und äußerst belegreich recherchiert und erzählt. Von den wilden Zeiten der Frankfurter Straßenkämpfe bis zum Minister. Man könnte sagen: Der Weg der Grünen von links nach rechts an ihrer großen Symbolfigur. Unbedingt lesen!

3. Heinrich Mann – Professor Unrat

Professor Unrat war eine Empfehlung, die ich mir unbedingt zu Gemüte führen musste. Die beiden „großen“ Brüder Mann sind mir beide recht sympathisch und dieses Buch hat mich wirklich gepackt. Es ist ebenso skurril, wie zynisch, wie traurig. Nicht umsonst ein Klassiker.

4. Albert Camus – Die Pest

Meinen ersten Kontakt mit Camus hatte ich, als ich vor einigen Jahren begann, den Mythos des Sisyphos zu lesen. Nun also von der Theorie in die Belletristik. Die Pest ist ein ebenso verstörendes, wie auch hoffnungsvolles Buch. Ein Durchblick der Humanität in der sich ausbreitenden Agonie. Wahrlich meisterhaft, aber keine Bettlektüre.

5. Heinrich Böll – Gruppenbild mit Dame

Ich habe Heinrich Böll lange Jahre ziemlich ignoriert. Zu Unrecht, wie ich sagen muss. Es ist ein kontingenter Glücksfall, dass ich im Zuge des Erwerbs einer kleineren dtv-Sammlung die halbe Böll-Bibliographie erworben habe. Dieses Buch ist vor allem durch seinen Stil sehr interessant. Es gibt quasi keine Narration, nur einen Bericht; die Charaktäre erscheinen entfremdet. Es ist teilweise anstrengend, aber gut.

6. G. E. M. Anscombe – Intention

Neben der ganzen Belletristik endlich mal zu etwas profundem. Anscombe ist Wittgenstein-Schülerin und Handlungstheoretikerin. Sie ist nicht allzu leicht zu lesen, hat jedoch viele interessante Ideen, die sich auch im Fortgang der Philosophiegeschichte durchgesetzt haben. Ich werde wohl nie Analytiker, aber manchmal hilft auch diese Schule einem weiter.

7. Max Frisch – Mein Name sei Gantenbein

Was ist, wenn jemand partout nicht sein will, was er ist. Max Frisch baut in diesem genialen Roman eine Rolle auf, die sich ewig versteckt und damit umso mehr sieht. Der blinde Gantenbein ist das Beispiel des ungsehenen Zuschauers, einem Voyeur, der sich nicht verstecken muss. Auch hier muss ein Dank für die Empfehlung ausgesprochen werden.

8. Elke Heidereich – Die Liebe

Das Programm von Hagen Rether verzichtet auf den Artikel, aber sonst haben diese kleine Geschichte und das satirische Abendprogramm vor allem gemeinsam, dass das, was wir gemeinhin vielleicht unter romantischer Liebe verstehen würden, eigentlich nicht vorkommt. Ein ebenso kurzes, wie kurzweiliges Leseerlebnis.

9. Henrik von Wright – Explanation and Understanding

Ich könnte hier jetzt einfach eine längere Arbeit zum Thema Wissenschaftstheorie kopieren, aber ich fasse es kurz: Von Wright arbeitet sehr kompakt aus und bietet vor allem ein Literaturverzeichnis, welches als Recherchegrundlage sehr hilfreich ist.

10. Donna W. Cross – Die Päpstin

Da überkam mich doch glatt die Lust auf etwas triviales. Lässt sich gut lesen und auch nur empfehlen, obwohl es, so scheint es mir, einige historische Unsauberkeiten hat. Macht nichts, gute Bettlektüre.

11. Albert Camus – Der Mythos des Sisyphos

Die ersten Seiten dieses Buches sind bei mir vollkommen zerlesen, aber nun wollte ich es mir auch einmal in Gänze zur Genüge führen. Die Idee des Absurden ist bei Camus der Hauptgegenstand. Für einen Menschen gibt es eigentlich nur drei Möglichkeiten: Dumm bleiben, sich umbringen oder mit dem Problem des Absurden umgehen. Keine lebensfrohe Lektüre, aber ein recht leichter Lesezugang.

12. Guy de Maupassant – Bel-Ami

Zum Schmachten! Die große Liebe, die nie erfüllt wird und alles andere Glück auf dieser Erde sinnfrei erscheinen lässt. Ein Buch über materiellen Erfolg und emotionales Versagen. Nicht umsonst eines der großen Werke der französischen Literatur.

13. Norbert Hoerster – Ethik und Interesse

Für Hoerster wäre es leichter, wenn er Utilitarist wäre. Denn irgendwie geht alles in diese Richtung. Abgesehen davon, dass er sich in einer – oberflächlich wie falschen – Auseinandersetzung mit Hare gegen den Utilitarismus ausspricht. Nun, dennoch ein lesenswertes Buch.

14. Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen – Der abenteuerliche Simplizissimus

Gewalt, Sex und Humor, dazu ein Hauch des Phantastischen. Grimmelshausen wirft alle existentiellen Fragen des Lebens auf und lässt jede unbeantwortet. Literatur mit mehreren hundert Jahren auf dem Buckel kann manchmal so aktuell sein.

15. Friedrich Dürrenmatt – Das Versprechen

Schon wieder ein Schweizer. Dürrenmatts Krimis sind Legion und ja, das ist kein schlechtes Buch, ein gutes sogar. Aber das Genre bleibt mir doch irgendwie fern.

16. Erich Kästner – Drei Männer im Schnee

Einer kam in meiner Kindheit wenig vor und das war Kästner. Warum das so ist hat sich irgendwie nie aufgeklärt. Nun, besser spät als nie also eine Kästnerlektüre mit großem Unterhaltungswert.

17. Heinrich Böll – Das Brot der frühen Jahre

Und nochmal Böll. Und diesmal näher am Charakter, die Idee von Fetisch und Bedürftigkeit verbindent. Mich hat das Eindringliche dieser Erzählung sehr fasziniert. Ich hatte häufig Lust auf Brot.

18. Isabell Allende – Der unendliche Plan

Noch so eine Schriftstellerin, an die ich mich lange Jahre nicht ganz rangetraut habe. Der unendliche Plan gehört nicht zu ihren größten Büchern, aber es ist eine unglaubliche Geschichte. Ohne jedes Happy End und immer am Rande des Untergangs.

19. Craig Thompson – Habibi

Ich gehöre ja, was viele Leute nicht verstehen können, zu den Menschen, die sehr gerne wissen, worüber sie reden. Entsprechend musste ich mir diese Graphic Novel geben und ich war begeistert. Vielleicht wende ich mich häufiger diesem Genre zu.

20. Theda Rehbock – Personsein in Grenzsituationen

Mit Hegel und Meister Eckhardt das Personenrecht für Leichname erklären. Ganz gruselige Habilitationsschrift.

21. Herbert Marcuse – Der eindimensionale Mensch

Diese Grenzgänger zwischen Philosophie und Soziologie empfinde ich ja immer als sehr interessant. Der Schreibstil der Vertreter der kritischen Theorie gefällt mir auch deswegen, weil er ebenso dicht wie ästhetisch ist. Auch bei Marcuse habe ich sehr viel mitgenommen. Es ist ein Brocken, aber es lohnt sich!

22. Felix Hasler – Neuromythologie

Hasler schreibt recht forsch. Das Buch ist interessant und vor allem für Nicht-Neurologen einfach zu verstehen. Wer etwas kritisches über Pharmazie und Neurologie lesen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

23. Johann Wolfgang von Goethe – Faust – Der Tragödie 1. Teil

Wurde einfach mal wieder Zeit.

24. Albert Camus – Der Mensch in der Revolte

Ein weiteres Theoriewerk von Camus. Versuchte man seinen prosaischen Stil irgendwie zu verorten, so würde ich hier am ehesten von politischer Philosophie oder politischer Theorie reden. Zudem viele Nietzscheanleihen. Ein oftmals unstrukturiert, dafür aber umso interessanteres Buch.

25. Stendhal – Italienische Chroniken

Kann man lesen, muss man nicht, war aber ganz interessant. Ich bin mir allerdings nach wie vor nicht sicher, ob Stendhal als Chronist oder als Autor auftritt.

26. Peter Singer – Wie sollen wir leben?

Singer kann man sehr gut lesen. Für einen Havardphilosophen schreibt er nahezu profan. Die Lebensnähe seiner Philosophie trägt jedoch ebenfalls einiges dazu bei. Außerdem gibt es eine interessante Analyse des Kapitalismus.

27. Colin Crouch – Postdemokratie

Wer dieses Buch beim Erscheinen als dystopisch angesehen hat, der sollte es noch einmal lesen. Inzwischen hat die politische Realität das Konzept er Postdemokratie sicher eingeholt. Zudem ein wirklich wichtiges Buch, um politische Entscheidungsprozesse kritisch zu begutachten.

28. Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Auch hier vielen Dank für die Empfehlung. Ich habe das Buch an zwei Abenden durchgelesen und es hat mich ähnlich verwirrt zurückgelassen, wie der Steppenwolf.

29. Thomas Mann – Die Buddenbrooks

Irgendjemand hat mir einmal gesagt, die Buddenbrooks seien langweilig und sperrig zu lesen. Beides trifft nicht zu, man muss nur Haupt- und Nebensätze von einander unterscheiden können; und, naja, das muss ich zugeben, die abgedruckte Mundart ist schon störend. Ansonsten ein hervorragendes Gesellschaftsbild.

30. Johann Wolfgang von Goethe – Wahlverwandtschaften

Auch hier geht es um das große Scheitern. Ein Laborversuch auf einem Landgut: Ein System bleibt entweder isoliert funktionsfähig oder es erodiert, wenn man es der Umwelt aussetzt. Eine interessante Idee der Auseinandersetzung mit dem Konzept der romantischen Liebe.

31. Jean Paul Satre – Existenz und Wahrheit

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass Satre etwa so schreibt wie Camus. Tut er nicht. Existenz und Wahrheit arbeitet viel Hegel auf und bringt interessante Gedankenanstöße. Aber ich habe jetzt schon Angst vor „Das Sein und das Nichts“.

32. Gustave Flaubert – Madame Bovary

Zum Jahresabschluss gab es noch einen Franzosen und eine Vorstellung in Fragen des Scheiterns. Weder das Drängen nach Liebe, noch die Zurückhaltung aus Gründen derselben führen zum Ziel. Ein Buch über Kummer und Resignation. Hat mir doch sehr viel gegeben.

Im Allgemeinen denke ich sagen zu können, dass das Jahr 2013 ein gutes Lesejahr war. Ich hoffe für 2014, dass ich das quantitative Minimalziel – 2 Bücher pro Monat – einhalten werde und, dass der Theorieanteil steigt. So weit – so gut!

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3 Kommentare zu “Das Jahr 2013 in Büchern

  1. Die Figur des „Professor Unrat“ ist genial! „Die Päpstin“ konnte man einfach hintereinander weg lesen, doch war der Roman nichts besonderes. Das Buch „Der unendliche Plan“ habe ich gerne, wie so vieles von Allende gelesen und „Madame Bovary“ folgte, nachdem ich einige Bücher von Zola gelesen habe. Fand ich aber auch gut.

  2. Steven Morrissey sagt:

    Á Fond perdu

    Ich möchte ohne Umschweife gleich starten:
    Grundsätzlich drängt sich mir die Frage auf, was der tiefere Sinn dieses ‚pamphlet‘ sei, vorallem die Frage der Gestalt nach, was es wirklich sagen möchte.
    Der Verfasser zählt hier wahrlich wunderschöne Werke der Weltgeschichte auf, die ihre transhistorische Wahrheit (H. Marcuse) bewahren. Das Leiden der Madame Bovary ist exemplarisch für die Langeweile der Moderne. Lebenskonstrukte – die ewige Suche nach Abenteuern treibt sie ins Unglück ihrer bürgerlichen Existenz. Ähnlich der Jane Eyre, sucht sie ihr heil in der Liebe, welche flüchtig , anrüchig und spontan ist. Diese Spontanität ist die einzige Flucht aus der Gesellschaft. Die spontane Liebe noch einmal schmecken, ehe sie verblasst. Welch ein Aufbegehren. Typisch für den französischen und englischen Roman ist s doch, das die Helden an der Welt zugrunde gehen und ihrer doch obsiegen; gleich dem Hamlet , standhält rot und schwarz, die Bovary, Jane Eyre und viele mehr. In den deutschsprachigen Landen gab es nur einen der dies vermochte: Lessing.
    Wobei hölderlins Hyperion freilich auch diesem zuzurechnen sei. Ansonsten ist der deutsche Roman, gefangen in seinem Idealismus und Griechentum, voller schlachten und Massakern – Karl Moor, Werther, Wallenstein oder Kohlhaas.
    Heute treibt diese Langeweile zwar nicht mehr in den Freitod, dennoch ist das gewählte mediokre Leben zwischen Ikea und Riverboot der eigentliche siebte Höllenkreis; mitunter wartet hier nun keine Beatrice.

    Nun sprechen, respektive schreiben Sie nicht nur über Flaubert – dessen Erziehung des Herzens ungleich bedeutender ist nicht wahr – sondern auch über die Gebrüder Mann, deren politische impitus immer schwanger gehen zwischen einem humanistischen Marxismus und einem stoischen Humanismus. Weswegen für ihr denkendes Vorhaben der Zauberberg gehaltvoller wohl sein müsste. Der wiederstreit zwischen settembrini und naphta schwebt mir auch bei ihrem Konvolut vor – ähnlich der Bovary geht es dem naphta freilich auch.

    Seien sie gewappnet, die Radikalität verdirbt den Geist und verkürzt das Leben.

    Es ist schön, wenn junge Männer wie sie lesen. Einer meiner Weggefährten sägte einmal, dass es oft viel wichtiger sei, die Erotik eines Buches zu spüren, in dem man nur seine Seiten befühlt und sein alterndes hout gout riechen und so hinab steigen in den Orkus des Wissens.
    Aber was machen sie hier, im Sinne des hyperkapitalismus preisen sie waren an, deren eigentlicher Wert durch ihre beschämenden Fetzen die Aura der Werke zerschmettern (Benjamin). Tun sie das Bitte nicht, nutzen sie ihr Talent und gehen sie in die Tiefe, anstelle in die Ödnis.

    Nur ein bibliophiler Freund.

    Sie wissen wo sie mich finden.

    • JoS sagt:

      Ja, vielen Dank für diese sehr umfassende Antwort auf meine Leseliste 2013. Und dank vor allem für die vielen Literaturhinweise. Den Zauberberg habe ich, ich meine, 2010, den Hyperion 2011 gelesen. Aber darauf möchte ich mich jetzt nicht wirklich festlegen.

      Die Figuren Moor (die Räuber habe ich dieses Jahr gelesen) und Koolhaas (vor zwei oder drei Jahren) sind wirklich unglaubliche Charaktere. Zum Wallenstein kann ich nichts sagen, der Werther ist mir aber äußerst unlieb, obwohl ich Goethe im Allgemeinen schätze.

      Dieses ‚Pamphlet‘ stellt ja keineswegs einen Rezensionsanspruch. Tatsächlich habe ich aber inzwischen auch begonnen zu rezensieren, sofern Interesse daran besteht: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php/public/mitarbeiterinfo.php?rez_id=4456

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