Offener Brief an Serdar Somuncu

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Juni 12, 2014 von JoS

Lieber Serdar,

ich bin so frei. Ich beginne und bleibe beim Du. Die Frage der Distanz ist uns im Deutschen sprachlich oktroyiert; das Englische hat es leichter, das Japanische schwerer. So sei gesagt: Es ist nicht das respesktlose Du, sondern das freundliche, kollegiale.

Ich schätze deine Arbeit, habe mich oft amüsiert, mag deinen Grenzgang zwischen satirischer Hyperbel und politischer Zurückhaltung. Aber wir müssen reden, müssen reden über deinen Beitrag bei Birlikte. Ich möchte zustimmen: Ja, was wir erarbeiten, daran haben wir uns zu halten! Integration ist nicht Assimilation und das bestehende System wird immer durch das verändert, was es in sich aufnimmt. Das ist gesellschaftliche Progression, das ist Fortschritt -das braucht Zeit. Wir kommen hier zusammen, unsere Grundüberzeugungen gehen zusammen. Aber dennoch muss ich sagen: Ich bin enttäuscht.

Enttäuscht. Wir benutzen es so einfach und doch ist es ein hartes Wort. Es bedeutet, dass man einer Täuschung unterlegen war und es nun nicht mehr ist. Aber das meine ich nicht. Ich bin enttäuscht in dem Sinne, dass meine Erwartung nicht erfüllt wurde. Vielleicht bin ich entsprechend mehr desillusioniert; meine Vorstellung wurde nicht verwirklicht. Es mag noch mit den – unsinnigen! – Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zusammenhängen, aber wir müssen dringend einmal reden.

Das pluralistische Deutschland? Das Land, in welchem die Ermittlungsbehörden jahrelang den NSU unterstützt haben? Das Land, in welchem die Generalbundesanwaltschaft nicht das System aufdecken will, unter welchem diese Morde überhaupt stattfinden konnten? Wo die Presse, auch die linksliberale, den Begriff „Dönermorde“ verwendet? Das Land, in welchem der Bundespräsident die NPD als Spinner bezeichnen darf und zugleich ein quasi monarchischer Herrscher ist? Dieses Land willst du loben?

Natürlich, du bist getourt. Hast mein Kampf vorgelesen und es war wirklich amüsant. Wie der Spatz mit dem Spatz und so…ich will es grade nicht nachlesen. Aber dieses Land soll pluralistisch sein? Als Anfang der 90er der Mob tobte und „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ rief, da beschlossen die beiden großen Parteien, dass sie Recht haben. Weniger Asylsuchende, weniger Probleme. Und noch heute besteht dies fort. Wenn in Dortmund Neonazis aufmaschieren, dann gehen SPD und Gewerkschaften auf möglichst viel Abstand zur Route, der CDU ist es egal und wer es nicht dulden möchte, dass Faschist*innen maschieren, der muss mit berittener Polizei, Pfefferspray und Inhaftierungen rechnen.

Dieses pluralistische Land erlaubt zwar, dank der DDR, dass Homosexuelle nicht mehr verfolgt werden; aber zentrale Menschenrechte werden ihnen dennoch verweigert, weil Frau Merkel sich damit irgendwie nicht wohlfühlt. Wie laut der Kanzlerin auch Multikulti tot ist und eine von ihr berufene Ministerin jahrelang etwas von Deutschenfeindlichkeit erzählen durfte – so, als gäbe es Rassismus und, was noch viel schlimmer sei, Deutschenfeindlichkeit.

Nein, lieber Serdar, in einem Land, in dem es vollkommen normal ist, dass Synagogen und Moscheen bewacht werden müssen, ist nichts pluralistisch.  Über Bildungsstatistiken müssen wir wahrscheinlich nicht reden und dass Leser*innen der JF sich für „Indianer“ einsetzen, wenn Biden spricht, aber dennoch gerne Moslems hängen sehen wollen, darüber auch nicht.

Du hast mal gesagt, dass 25 Jahre RTL schlimmer wären als zwölf Jahre Hitler. Und ja, du hast Recht. Und es hat auch Dich erwischt. In einem Land, in welchen die höchsten Repräsentant*innen noch immer keinen Unterschied zwischen einem Kommunisten und einem Faschisten sehen, in welchem die meistgewählte Partei Wahlkämpfe führt, die sowohl rassistisch, wie sexistisch als auch homophob sind, in einem solchen Land gibt es wenig zu loben. Wir sind keine pluralistische Gesellschaft, sondern eine gespaltene. Es gibt in Deutschland eine liberale Intellektuelle und einige linksradikale Progressive – die Mehrheitsgesellschaft besteht aus reaktionärem Kleinbürgertum.

Nexö behauptet, die Deutschen hätten Ehrfurcht vor Goethe, läsen ihn aber nicht. Und damit hat er wahrscheinlich recht. Wenn es eine deutsche Leitkultur geben sollte, was ich bezweifle, dann besteht sie darin sich über Werke zu profilieren, die den Profiteur*innen unverständlich sind.

Bleib radikal, mein Freund, aber lass dich nicht auf ein solches Niveau herab. Wir stehen zusammen. Aber wir, das sind nicht wir wahren Deutschen. Weder in der Idee der Rechten, noch in Deiner. Wir, das sind progressive Menschen, die, um dann doch einmal marxistisch zu sprechen, den Überbau überwinden. Entsprechend deiner Maxime will ich sagen, dass Jede*r das Recht hat beleidigt zu werden: Also halts Maul du Assimilationskanake und benutz deinen Verstand, bevor du noch einmal so ein staatstragendes Blabla von dir gibst.

Beste Grüße.

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2 Kommentare zu “Offener Brief an Serdar Somuncu

  1. Bernd sagt:

    Autsch. RTL schlimmer als Hitler stimmt? Und ne kleinbürgerliche Kartoffel bezeichnet jemanden als Ka****? Rassismus gibt es übrigens und irgendwo heißt es „welchem“ statt „welchen“.

  2. Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    Offener Brief

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