Schirrmacher – Ein halber Nachruf

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Juli 7, 2014 von JoS

Ich habe Frank Schirrmacher nie getroffen, keine E-Mail von ihm erhalten und nicht einmal einen offenen Brief habe ich an ihn geschrieben. Lediglich ein Buch – Minimum – habe ich von ihm gelesen. Ich bin sicher nicht dazu prädestiniert einen Nachruf auf Schirrmacher zu schreiben und darum habe ich es nicht getan. Jetzt will ich mich aber doch noch äußern, um ihn zu verteidigen. Verteidigen gegen einen unsäglich dummen Kommentar von Ulrike Hermann in der taz.

Zuerst einmal: Gratulation Frau Herrmann, Sie haben erkannt das Schirrmacher ein Konservativer war. Und, dass er klug war. Vielleicht sogar besonders klug. Danke, das wäre uns Allen beinahe entfallen. Vor allem jenen Kommentator*innen aus dem linken Spektrum, die einen Nachruf auf Schirrmacher verfasst haben. Und danke vor allem dafür, dass wir nun endlich wissen, dass Schirrmacher, quasi im Alleingang, das gesamte deutsche Feuilleton entpolitisiert und uns Alle, ja, wirklich Alle, in die politische Apathie gelockt hat. Sagen Sie mal, Frau Herrmann, juckts unterm Aluhut?

Vielleicht ist es eine neidische Trotzreaktion seitens der taz. Wenn man selbst kein debattenrelevantes Feuilleton aufbieten kann, dann diskreditiert man halt das der Anderen. Die Vorwürfe von Ulrike Herrmann sind in einem solchen Maße stupide, dass man sich garnicht recht dazu verhalten kann. Als ob das Feuilleton der FAZ maßgeblich für die linke Debattenkultur wäre.

Mein persönlicher Umgang mit dem Tod ist ziemlich unprätentiös. Ich bin nicht der Ansicht, dass man nur Gutes über Tote sagen sollte. Und das waren bei Schirrmacher auch die meisten Kommentator*innen nicht. Sein autoritärer Führungsstil, seine Arroganz, sein Machoismus wurden durchaus auch in den Nachrufen thematisiert. Schirrmacher war eben ein Mensch, ein konservativer Mensch, aber eben auch ein bürgerlicher Journalist im besten Sinne. Worum es Schirrmacher ging war immer das autonome Subjekt. Natürlich meinte er das bürgerliche Subjekt. Das ist auch all Jenen klar, die sich mit ihm auseinandergesetzt haben.

Wenn ich mir vorstelle, ich hätte Schirrmacher einmal getroffen, wir hätten sicher hinreichend Dissens gehabt, um eine Nacht zu debattieren. Wahrscheinlich auch länger. Und genau das macht Schirrmacher als Journalisten und Feuilletonisten auch aus: Die Lust an der Debatte, die Lust am Dissens. Trotz all der Arroganz, die ihm wohl eigen war, haben Schirrmacher-Artikel auch immer einen Moment der räsonierenden Selbstkritik. Dass ein Geisteswissenschaftler, ein Sprachästhet, auch einmal längere Sätze verwendet, ist ihm kaum vorzuwerfen.

Liebe Frau Herrmann, es gibt politische Auseinandersetzungen jenseits der MacBook-Realität auf dem Latte-Macciato-Strich am Prenzlauer Berg. Und die hat Schirrmacher in Deutschland vielleicht nicht unbedingt geprägt, aber zu großen Teilen ermöglicht. Das ist ihm als Journalisten hoch anzurechnen. Man muss nicht das gleiche Ziel haben, um ähnliche Probleme zu erkennen. Schirrmacher hat verschiedene Diskurse, die der Konservativen einst fern waren, auch in diesem Zirkeln prominent gemacht. Das ist ihm ebenfalls anzurechnen. Gleichzeitig hat er Positionen in Auseinandersetzung gebracht, die sonst weniger mit einander sprechen. Das mag dem Wohlfühl-Charakter des taz-Journalismus widersprechen, aber es ist für eine Gesellschaft wichtig.

Wenn es noch irgendeinen Beweis dafür gebraucht hätte, warum Schirrmacher der deutschen Presselandschaft fehlen wird, dann ist es der dumme Kommentar von Ulrike Herrmann. Schirrmacher wird auch der intellektuellen Linken fehlen: Als Reibungspunkt. Das sollte auch Ulrike Hermann verstehen.

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