Spiel mir das Lied vom Tod

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Juli 11, 2014 von JoS

Seit Tagen fliegen nun bereits Raketen auf Israel und so nah kamen sie den großen Ballungszentren noch nie. Die israelische Antwort ist entsprechend: 78 Todesopfer hat die neue israelische Offensive bereits gefordert. Ein Drittel davon seien Zivilisten, so behauptet es zumindest die palästinensische Seite. Die Reaktionen auf die letzte Woche zeigen einen Kampf um die Deutungshoheit. Mit erstaunlichen Auswirkungen.

Mein persönlicher Schockmoment waren Äußerungen von Alexander Nabert auf Twitter. Nabert schrieb: „Tel Aviv und Jerusalem sind unter Raketenbeschluss aus Gaza. Ich hoffe für die Menschen vor Ort auf den effektivsten #IronDome.“. Ich fragte ihn daraufhin, ob dies auch auf die Menschen in Gaza zuträfe. Er wollte dies nicht bejahen. Stattdessen gab es zwei erschreckende Statements:“Nein, ich wünsche der Hamas keinen Iron Dome.“ und „Nein, danke. Ich lasse mich auf keine Gedankenspiele ein, in denen der Jude ein rachsüchtiger Kollektivbestrafer ist.“. Man kann es auch so lesen: Nein, Palästinenser haben kein Lebensrecht und Jeder, der das behauptet, ist automatisch ein Antisemit.

Und es ist nicht nur Alexander Nabert. Die Ruhrbarone, allen voran ihr Chef Stefan Laurin, mischen sich auch kräftigst in die Debatte ein. Ihrem erklärten Ziel, den Antisemitismus zu bekämpfen, erweisen sie dabei einen Bärendienst. Ähnlich wie bei Nabert ist auch bei Laurin der Begriff des Antisemitismus bis zur Ubiquität entgrenzt. Für Laurin etwa ist es antisemitisch, wenn man Vegetarismus damit begründet, dass man die Tötung einer Gruppe (nichtmenschliche Tiere) auf Grund nicht-relevanter Eigenschaften für falsche halte. Dies relativiere den Holocaust. Diese Stilblüten mag man belächeln, sie deuten aber auf ein substantielles Problem.

Was Nabert und Laurin eint, ist, dass sie das israelische Regierungshandeln als genuin jüdisch klassifizieren. Jede Kritik ist damit eine Kritik an etwas jüdischem und somit antisemitisch. Ich hatte bereits Anfang letzten Jahres in einem Beitrag, der eine Antwort auf Nabert darstellte, dazu Stellung genommen. Diese Vereinfachung spiegelt allerdings nicht den Konflikt wieder, sie hilft auch nicht ihn zu beenden, sondern führt nur dazu, dass er fortgesetzt wird.

Tatsache ist: Die israelische Rechte braucht die Hamas genauso, wie die Hamas die israelische Rechte braucht. Beide schaffen es nicht die grundlegenden innenpolitischen Konflikte und Probleme zu lösen, weswegen der äußere Feind von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. Für Netanjahu sind Militärschläge vor allem deswegen bequem, weil keine substantiellen Verluste auf israelischer Seite zu erwarten sind. Als hochgerüsteter Staat ist Israel vor Raketenangriffen aus Gaza geschützt. Nach Innen sind solche Militäroperationen daher gut zu kommunizieren. Auch die Hamas profitiert von den Auseinandersetzungen. Vor allem durch zivile Opfer schafft sie sich einen Opferdiskurs, der sich nach Innen ebenfalls gut kommunizieren lässt. Umso schwerer die Auseinandersetzungen, umso mehr profitieren diese beiden Parteien.

So banal es ist, es muss wohl dennoch geäußert werden: Der Nahostkonflikt ist ein Konflikt politischer Eliten, der auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen wird. Die zahlreichen Projekte auf der zivilgesellschaftlichen Ebene beweisen, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Wir sollten dem mehr Aufmerksamkeit schenken. Jede Form von taking sides verhindert eine Progression der Friedensbemühungen. Und auch um dem weltweit grassierenden Antisemitismus entgegenzutreten ist es notwenig, dass dieser Begriff wieder eine Eingrenzung erfährt. Das ist vor allem die Aufgabe derer, die ihn ubiquitär verwenden und es damit erleichtern, dass tatsächlich antisemitische Aussagen diskursfähig bleiben.

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2 Kommentare zu “Spiel mir das Lied vom Tod

  1. Für alle, die sich ein eigenes Bild der Debatte mit mir machen wollen: https://twitter.com/Nabertronic/status/486587065170419712

  2. Hat dies auf Europapolitik rebloggt und kommentierte:
    Nahostkonflikt

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