Linker Pop

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August 12, 2014 von JoS

Nein, hier geht es nicht um Musik. Zumindest nicht primär. Hier geht es um linkes Selbstverständnis und linken Habitus. Um linke Themen und linke Aktionen. Und es geht vor allem darum, wie verflacht und unerträglich eindimensional linke Debatten oft sind. Und wie sehr mich das nervt. Das hier ist eher so etwas wie eine Empörung.

Die letzte Klausur einer hochschulpolitischen Liste, die ich selbst miterleben durfte, war ein Theorieseminar. Es ging darum, verschiedene aktuelle und historische Theorieansätze einander vorzustellen und zu diskutieren. Das Ergebnis dieses Seminars ist ein Reader mit mehr als 100 Seiten. Das Ergebnis der letzten hochschulpolitischen Klausur einer Liste, die mir zur Kenntnis gekommen ist, ist der Begriff „Jacuzzi-Antifa“. Willkommen im Kleinbürgertum.

Wenn ich heute so manchen, im linken Spektrum engagierten, Personen Anfang oder Mitte 20 zuhöre, so erinnere ich mich an meine Zeit in der mittleren pubertären Phase, als ich Punk-sein damit verband, WIZO zu hören und auf irgendwelchen Parkwiesen Bier zu trinken. Ich habe damals das erste Mal Nietzsche gelesen, aber herzlich wenig verstanden. Von systematischer Theorieaneignung hatte ich keinen Schimmer und Shirts von irgendwelchen linken Versandhäusern waren relevanter als politische Debatten. Heute, so scheint es mir, hat sich diese Phase zehn Jahre weiter nach hinten gelegt. Anstatt sich in Lektüre zu vertiefen und kritisch zu debattieren unterhält man sich lieber über Aufkleber und Patches, die man an seine Primark-Klamotten pinnt und klebt.

Entsprechend flach fallen auch die Debatten selbst aus. In jusoesker Manier debattieren wir zwar nicht über GO-Auslegungen, dafür permanent darüber, ob irgendjemand einen falschen Witz gemacht oder sich etwas zu dominant geäußert hat. Dabei geht es mir nicht darum, dass ich es ablehne sich kritisch mit der eigenen Sprechposition oder dem eigenen Redeverhalten auseinanderzusetzen. Doch wenn diese Form der Selbstbeschäftigung die politische Diskussion unmöglich macht, dann ist sie kontraproduktiv. Und so haben sich viele Debatten, die ich zwar für relevant, aber eben nicht ausschließlich relevant, halte in einem Maße in der Vordergrund gedrängt, dass man sich fragt, ob es eine linke Debatte außerhalb der Frage geben kann, wie man die Privilegien der grundsätzlich Privilegierten aneinander anpassen kann. Alle die außerhalb dieser Gruppe stehen sind bereits abgehängt.

Klar: Gendermainstreaming hat irgendwie mehr Glamour als Zölle auf Tomatenmark; aber das darf doch wohl nicht der Grund für eine so einseitige Beschäftigung sein. Globale Gerechtigkeitsfragen geraten vollkommen aus dem Fokus der linken Debatte, weil wir mit unserer narzisstischen Selbstbeschäftigung so erfüllt sind, dass uns etwas anderes gar nicht mehr interessiert. Jeder sucht sich seine eigene Diskriminierung, in welcher er sich unterdrückt fühlen kann, und diejenigen, denen die soziologischen Termini kein solches Verhältnis zugestehen können sich zumindest noch im Selbsthass suhlen. Damit ist der Tag dann auch schon ausgereizt, denn man muss sich Abends ja in die angesagten Clubs bewegen, um im Takt stumpfer Beats nochmal kontrolliert zu eskalieren.

Zugegeben: Diese Empörung ist natürlich auch narzisstisch. Sie ist Ausdruck einer Stimmung, die sich seit Jahren verstärkt. Ich wurde in einem Umfeld politisiert, in welchem Debatten über Politik und politische Theorie zum Alltag gehörten. Einem Umfeld, wo selbstverständlich noch politische Theorien gelesen und reflektiert wurden. Ich habe festgestellt, dass diese kritische Reflexion immer mehr dem Hang zur Selbstdarstellung gewichen ist. Individuum A als Teil des Konstrukts x. Dass Wagner und Bakunin zusammen auf den Barrikaden standen wissen junge Anarchist*innen heute nicht mehr. Wozu auch? Die Selbstbezeichnung ist doch so schön anrüchig.

Eine Linke, die sich in Theorie und Reflexion immer weiter entbildet, die sich intellektuell verarmt und nur noch darum kämpft, wer das schönere Adorno-Zitat von sich gibt, braucht kein Mensch. Sie hilft auch nicht dabei globale Probleme zu lösen, sondern manifestiert durch ihren proklamierten Widerstand hegemoniale Machtbestrebungen, indem sie diese ungewollt affirmiert. Es geht mir nicht darum, dass man sich wieder einen Arbeitsfetisch zulegt, wie dies bei vielen linken Intellektuellen des 20. Jahrhunderts der Fall war. Aber ein bisschen mehr Interesse für das eigene politische Selbstverständnis, ein wenig mehr Reflexion im eigenen politischen Handeln und dafür etwas weniger niedliche Tiere täten vielleicht ganz gut. Das schadet vielleicht der eigenen Selbstbestätigung, wäre einer progressiven Haltung außerhalb der Pesudoindividualität der Konsumgesellschaft aber angemessen.

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4 Kommentare zu “Linker Pop

  1. […] in etwa liest sich der mahnende Zeigefinger “Linker Pop“, kürzlich veröffentlicht auf “Dann Links!“. Die Empörung geht hier eigentlich […]

  2. Theodor B Davorn sagt:

    Wie habt ihr damals eigentlich die globalen Probleme gelöst?

  3. S. sagt:

    Vielleicht verwechselst du was. Ich glaube, es ist nicht „die linke Szene“, die sich verändert hat. Ich bin mir recht sicher, dass du gar keinen Einblick darin hast, was diverse linke Gruppen in der Region gerade wie genau diskutieren. Deine Frustration hat glaube ich vielmehr damit zu tun, dass einige vernünftige Leute nicht mehr so richtig Lust darauf haben, mit dir die spannenden und interessanten Diskussionen zu führen.

    Internet-Trolle schießen sich mit ihrer virtuellen Schreierei halt manchmal selbst ins Abseits. Wer lieber laut rumschreit, anstatt in der einen politischen Praxis auf die Bedürfnisse von anderen Acht zu geben, muss sich nicht wundern, wenn Leute ihre präferierten Gegenüber auch unter Berücksichtigung von deren Diskussions-, Rede- und Gruppenverhalten aussuchen.

    Dieser Beitrag ist erneut ein gutes Beispiel dafür: Statt das eigene Verhalten zu reflektieren und endlich mal zu ändern, hältst du die anderen für angeblich infantil (so wie du vor zehn Jahren), für Weicheier (fühlen sich unrechtmäßig diskriminiert) und weniger intellektuell gebildet. Ich denke, allen linken Gruppen und Personen, die sich entschieden haben, die spannenden Debatten ohne dich zu führen, kann man angesichts dieses Statements eigentlich nur gratulieren.

    • JoS sagt:

      Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass Debatten durch Dissens, nicht durch Konsens spannend werden. Da werde ich mich auch nie ändern.

      Wenn Exklusion von anderen Ansichten natürlich schon immer das Ziel linker Politik war, dann habe ich sie einfach die letzten zehn Jahre vollkommen missverstanden. Das muss ich zugeben.

      Schreien war übrigens noch nie meine Art Debatten zu führen.

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