Das laute Schweigen der Waffen

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August 30, 2014 von JoS

Ich habe lange überlegt, ob ich mich noch einmal zu diesem schwierigen Thema äußern sollte. Es gibt gute Gründe, dies nicht zu tun. Die Komplexität der Thematik ist eines davon. Eine Komplexität, die weniger durch das tatsächliche politische Problem entsteht, als mehr durch das undurchdringliche Geflecht ineinandergreifender Diskurse, die in einer Kakophonie der Widersprüchlichkeit enden, die jede ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema bis zur Unmöglichkeit erschwert. Wer sich dem Israel/Palästina-Konflikt ernsthaft nähern möchte, der wird zurückgedrängt durch ein Narrativ, welches, sowohl historisch als auch teleologisch, keine ernsthafte Auseinandersetzung erlaubt.

Ich stamme, das ist nicht neu, aus einem konservativem Haushalt. Die Sicherheit des israelischen Staates als Teil der deutschen Staatsräson ist Teil meiner kindlichen politischen Sozialisierung. Ich habe diese, wie auch andere konservative Elemente, tief verinnerlicht. Ich habe in diesem Kontext auch den rechten Philosemitismus kennengelernt. Ein Philosemitismus, der sich in einer pazifistischen Idee, einer sozialistischen und egalitären Art des Zionismus gründet. Das Prinzip des Kibbuz kann nämlich dem kleinbürgerlichen Ideal der Familie ebenso als Projektionsfläche dienen, wie dem linken Ideal der sozialen Gemeinschaft. 

Wenn man cum grano salis der Begriffsgeschichte des Zionismus ein verständliches Äquivalent an die Seite stellen möchte, dann ist wohl der Begriff der Sozialdemokratie am geeignetesten. Ein Begriff wandert nach rechts. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie ist der Zionismus jedoch unschuldig. Er wird missbraucht von rechten Jüd*innen, die simple Machtansprüche stellen. Es ist eine naive Idee zu glauben, dass reaktionäre Machtansprüche sich nach religiösem Background veränderten. Ob ohne oder mit Religion, ob mit oder ohne Narrativ: Ansprüche bleiben Ansprüche. Wir sind nur geneigt, den einen mehr zuzustimmen als den anderen. 

Wer durch die Straßen zieht und Schilder hochhält, auf denen die israelischen Maßnahmen in Gaza mit dem Holocaust verglichen werden, der unterschätzt die industrielle Einmaligkeit des Holocausts, die ihn, obwohl er quantitativ anderen ethnischen, religiösen oder ideologischen Säuberungsprozessen unterliegt, zu einer Einmaligkeit macht. Wer behauptet, dass Jüd*innen von Opfern zu Tätern würden, der bedient antisemitische Ressentiments. Wer ‚Juden ins Gas‘ fordert, der äußert sich offen antisemitisch. Wer Parolen dieser Art nicht im Wege steht, der macht sich der Mittäterschaft schuldig. Es ist deswegen, meiner Ansicht nach, zwar nicht richtig zum Beispiel die Linke in NRW zu beschuldigen, dass ihren Aufrufen Antisemit*innen folgen. Es ist aber richtig sie dafür zu verurteilen, dass sie diesen nicht offen entgegentreten. Es wäre ein Zeichen der demokratischen Stärke gewesen zu sagen, dass man die Bombardements des israelischen Militärs verurteilt und zugleich jeder Form des Antisemitismus entgegensteht. Und zwar in jenem Moment, in dem sie geäußert werden und nicht in nachfolgenden Pressemtteilungen.

Der Antisemitismus ist eine komplexe Form der Stereotypisierung, da er allzu häufig nicht negativ konnontiert ist. Begriffe wie Bildung und Weisheit, musische Kunst und literarische Fertigkeit werden mit ihm assoziiert. Für diese Form der Stereotypisierung findet sich sogar der Begriff des philosemitischen Antisemitismus. Diese Form des Antisemitismus, der vor allem in der demokratischen und zum Teil auch radikalen Rechten anzufinden ist, fallen auch viele Linke gerne anheim. Vor allem dann, wenn sie eine Opferthese vertreten. Das Stereotyp des ‚Juden als Opfer‘ verunmöglicht es in der eigenen Rezeption tatsächliche Handlungsweisen zu erkennen. Ich persönlich halte dies, wie ich bereits ausführte, selbst für eine Form des Antisemitismus.

Die israelische Außenpolitik ist von den gleichen Faktoren dominiert, wie die anderer kapitalistischer Staaten. Es geht um Profite und den Zugang zu Ressourcen. Israelische Siedler*innen agieren wie der Bund der Vertriebenen – und sie haben die gleiche Lobby. Zumindest im Inland. In der globalen Linken ist die israelische Linke isoliert. Ihre Positionen sind, zumindest gemessen an den Äußerungen vieler europäischer Linker, schlichtweg blanker Antisemitismus. Die Komplexität des Nahost-Konfliktes ist viel mehr eine Innenpolitische. Wie bringt man tausenden von Jugendlichen, die von Hass geprägt sind, die Idee des Friedens näher? Die alleinige Verantwortung dabei kann natürlich nicht bei der israelischen Zivilgesellschaft liegen. Aber ich rechne mir hier mehr Chancen aus.

Es gibt eine Stelle des alten Testamentes, die gerne falsch gedeutet wird. Es handelt sich, das mag kaum verwundern, um Exodus 21, 23-25. Die jüdische Rechtsgeschichte sieht hierin keine Aufforderung zur Vergeltung, sondern zur Mäßigung. Der Begriff der moralischen Überlegenheit, welchen sich die israelische Armee inzwischen auch in einer pervertierten Umkehrung seines Ursprungs angeeignet hat, könnte seitens der israelischen Zivilgesellschaft hier tatsächlich Anwendung finden. Sowie Barenboim Wagners Antisemitismus für das höhere, die Musik, zurückstellt, so könnte auch die israelische Gesellschaft den Gedanken an die Vergeltung zugunsten des höheren, des Friedens, zurückstellen. Diese Forderung hat nichts mit Antisemitismus zu tun, sie beruht viel mehr auf der Annahme, dass eine kollektive Erinnerung nicht zum Aufbau von Hass genutzt werden sollte, sondern um die Mechanismen zu bekämpfen, die dieses kollektive Gedächnis konstituieren.

Die Nahostpolitik ohne ihre Narrative zu behandeln mag unmöglich sein. Doch wer sich der Narrative bedient, der sollte auch in der Lage sein Geschichten zu begreifen. Auf Adornos Frage, ob es Lyrik nach Ausschwitz geben könne antwortete übrigens ein Jude. Der Titel seines Werkes trägt das schrecklichste und das schönste in sich, was die deutsche Geschichte gebracht hat, das missratenste und das vollkommenste: Den Tod und die Fuge. Wer sich um ein Narrativ bemüht, der sollte es nicht in der Zirkularität enden lassen. Das Narrativ des Zionismus muss daher auch nicht in einer Spirale der Gewalt enden. Es kommt darauf an, wie und vom wen es erzählt wird.

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Ein Kommentar zu “Das laute Schweigen der Waffen

  1. Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    Antisemitismus

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