Warum der Klassenkampf keine Frage der Laune ist

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Oktober 2, 2014 von JoS

Ronja Mercedes Nabert veröffentliche heute auf den ruhrbaronen einen Beitrag mit dem wunderbaren Titel „Warum ich keine Lust auf Klassenkampf habe“. Darin versucht sie zu erklären, warum Marx irgendwie doof ist und man ihn lieber nicht lesen sollte. Abgesehen davon, dass man Naberts Artikel – mit dem Namen scheint irgendwas einherzugehen – schon nicht lesen sollte, wenn man ein gesundes Empfinden für Orthographie besitzt, gibt auch der Inhalt nicht viel her. Die meisten Marxist*innen haben Marx nicht gelesen – sie schon. Naja, nicht gelesen. Gehört. Als Hörbuch, wie sie in einem Kommentar zugibt. Nun, über Marx zu reden, ohne ihn gelesen zu haben, ist inzwischen ein Volkssport.

Aber selbst wenn wir das lustige Spiel namens ‚Interpretiere diesen Satz‘ spielten, müsste Nabert wohl in Runde 1 ausscheiden. Die von Marx verwendeten Begriffe von Idee und Klasse stellen für Nabert den „wohl subtilsten und tolleriertesten Ausdruck personalisierter Kapitalismuskritik innerhalb der Linken“ dar. Sowohl Klasse als auch Idee sind aber eben das Gegenteil von personalisierten Begriffen, nämlich radikale abstracta. Es geht weder um Unternehmerfamilien noch um ethnische oder religiöse Zugehörigkeiten, sondern um die Struktur der Unterwerfung. Diejenigen, die über Kapital verfügen, unterwerfen Jene, die keine Verfügungsgewalt über das Kapital haben. Und das tun sie auch nicht, weil sie böse sind, sondern weil es eine inhärente Eigenschaft des Kapitals ist, Hierachien zu schaffen. Totale Hierachien.

Es gibt gute Gründe der aktuellen Marxrezeption zu widersprechen. Gerade orthodoxe Marxist*innen neigen zu quasi-religiösen Verhalten, wenn sie maßregelnd darauf hinweisen, dass das doch schon bei Marx stehe. Und ja, auch Marx hat Unsinn geschrieben. Das kommt auf mehreren 10.000 Seiten schon einmal vor. Und ja, auch einige Prognosen von Marx sind falsch. Auch das kommt immer wieder vor. Darum muss auch die Lektüre von Marx kritisch sein. Darum müssen gewisse Dinge revidiert werden. Das ist dann eine kritische Hermeneutik. Und die sollte Grundlage jeder (wissenschaftlichen) Lektüre sein.

Wer, wie Nabert, behauptet, dass der Kapitalismus alles schon irgendwie regele, der*die ist auf einem gefährlichen Weg. Richtig ist die Aussage, keine Frage, aber sollte sie es auch sein? Max Horkheimer hat in seinem Essay Traditionelle Theorie und kritische Theorie bereits analysiert, dass das bürgerliche Subjekt die Welt so hinnimmt, wie sie ist, weil es meint, dass es eben so sein müsse. Dem verfällt auch Nabert. Natürlich regelt der Kapitalismus das schon. Die Flüchtlingsströme scheitern an der militärischen Übermacht der vermögenden Staaten, die Pharmazie forscht nur zu Krankheiten, die gewinnbringend behandelt werden können. Selbst in den wohlhabenden Staaten stehen relevante Errungenschaften, wie Teile der Reproduktionsmedizin, nur den Wohlhabenden zur Verfügung. Das bedeutet dann eben unermessliches Leid für hunderttausende Menschen; aber die Welt steht doch noch – oder etwa nicht?

Was Ronja Nabert publiziert ist ein Offenbarungseid. Die Offenbarung, dass sie meint, dass Lesen – oder Hören – und Verstehen das Gleiche seien. Dass sie der Ansicht ist, ein Blick in den Text entspreche einer anspruchsvollen wissenschaftlichen Hermeneutik. Sie ist damit ein klassisches Kind des Spätkapitalismus. Sie ist in ihrer Kritik oberflächlich und polemisch, affirmiert den Konsumismus. Das ist bedauerlich, denn es ist grundsätzlich begrüßenswert, wenn junge Menschen sich mit den Schwergewichten der Geschichte auseinandersetzen. Entsprechend sei die Einladung ausgesprochen, sich einmal kritisch Marx zuzuwenden.

Bleibt nur noch die Frage, warum die ruhrbarone einen solchen Artikel veröffentlichen. Aber diese Antwort ist einfach: Bereits zu Beginn kokettiert dieser Artikel mit der Behauptung, dass Kapitalismuskritik per se antisemitisch sei. Und danach entfaltet sich ein Feuerwerk von Rechtschreibfehlern. Klassisch ruhrbarone eben.

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2 Kommentare zu “Warum der Klassenkampf keine Frage der Laune ist

  1. Kleine Hinweise sagt:

    „Die ruhrbarone“ würden einen solchen Artikel wohl kaum veröffentlichen. Das kann Mercedes Nabert selbst tun und das verdankt sie warscheinlich ihrer Fähigkeit „in ihrer Kritik oberflächlich und polemisch, affirmiert den Konsumismus“ zu sein. Dass Kapitalismuskritik per se antisemitisch ist, steht in ihrem Text so aber nicht. Da steht, dass ein Widerspruch zwischen einer ablehnenden Haltung gegenüber dem struktruellem Antisemitismus und dem Klassenkampf besteht. (Diese) Nabert ist Anarchistin und dass der „Kapitalismus schon alles irgendwie regele“ ist bei der Autorin nicht als ein Loblied auf selbigen zu begreifen. Rechtschreibfehler wiederum kenne ich – aus diesem… ahm politischen Spektrum – ansonsten hauptsächlich von Marx selbst… 😉

    • JoS sagt:

      Dass in dem Text stünde, dass Kapitalismuskritik per se antisemitisch sei behaupte ich auch nicht. Ich merke lediglich an, dass mit dieser Behauptung kokettiert wird.

      Weiterhin publizieren die ruhrbarone als Blog natürlich diesen Artikel. Dass es Nabert in ihrer Person als Autorin getan hat steht im Eingangssatz.

      Und nebenbei: Zu Marxens Zeiten gab es noch keine einheitliche Orthographie.Rechtschreibfehler, so wie wir sie heute verstehen, waren entsprechend überhaupt nicht möglich. Aber macht nichts 😉

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