Der chauvinistische Salon

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Oktober 6, 2014 von JoS

Jeden Sonntag, direkt nach dem Tatort, lädt Günther Jauch in den Salon des deutschen Chauvinismus. Da ist etwas für jeden dabei. Entweder man bastelt wieder etwas am Mythos der Widerfahrnis des Faschismus oder erklärt warum Muslime doch irgendwie gefährlich sind. Nicht alle natürlich, aber in der Tendenz, also die Minderheit, aber in der Tendenz, also, naja, Obacht halt. Die Besonderheit an Jauchs Talkshow ist, dass er keine Ahnung von Politik hat. Er kennt die Debatten nicht, vermag nicht nachzuhaken oder Diskussionsstränge zu bündeln. Jauch bedeutet von daher auch nicht politische Auseinandersetzung, sondern Akkumulation von Statements.

So auch am gestrigen Abend wieder, als es, angesichts der, nun auch für die breite Öffentlichkeit bekannten, Zustände in Flüchtlingsunterkünften genau um dieses Thema ging. Also, eigentlich sollte es darum gehen, aber irgendwie ging es dann um viel Anderes. Beginnen durfte ein Wachmann, ein ehemaliger Wachmann um genau zu sein, aus Burbach, also genau aus jener Unterkunft, die für besonders brutales Vorgehen von Wachleuten gegenüber ihren Schutzbefohlenen steht. Der berichtet zwar auch von Überbelegung, mangelnder ärztlicher Versorgung und katastrophalen hygienischen Zuständen; aber eben auch von betrunkenen, sich prügelnden Flüchtlingen und häufigen Polizeieinsätzen. Von der AfD bis zur Partei die Rechte war die Freude sicher groß, dass das von ihnen gezeichnete Bild nun noch einmal von einem wiederholt wurde, der es ja wissen müsse.

Es wurde nicht besser. Innenminister Jäger, bekannt unter anderem für die Affirmation brutaler Polizeieinsätze, artikulierte ein paar Dinge, von denen wir längst wissen, dass sie unwahr sind. Dafür ließ er einiges Wahres aus. Zum Beispiel eben, dass die örtliche Polizei die Einsatzpraktiken der Wachleute kannte und zumindest duldete. Dass es hier also keineswegs um die Probleme bei einem Subunternehmer geht, sondern um behördlich geduldete Rechtsverstöße. Nun kann Jäger natürlich nicht noch einen Polizeiskandal in seiner Amtszeit vertragen, also wird geleugnet.

Auch für Thomas Strobl war das Ganze natürlich kein Thema. Dem CDU-Vize ging es mehr um Parteipolitik und die Schelte der rot-grünen Landesregierung. Zustimmung auf twitter gab es durch Armin Laschet. Dem Grundproblem, nämlich den Umgang mit Flüchtlingen in der BRD, wollte sich niemand so recht nähern. Lieber schob man die Verantwortung zwischen Bund und Land her. Auch der Hinweis, dass es doch in einigen Ländern Unterbelegungen gebe, wies Strobl zurück,. Pacta servata sunt – man hat sich eben geeinigt.

Überhaupt schien man nicht sonderlich entsetzt darüber, dass eine Frau wie Maya Alkheche lieber in die Diktatur zurückkehrt, aus der ihre Eltern geflohen sind, als in Deutschland zu bleiben, wo ihr wegen ihrer Duldung jegliche Qualifikation untersagt war. Auch Cem Özdemir, der über weite Strecken gute Hinweise gab, verfiel dann doch noch in Parteipolitik, als er Winfried Kretschmann verteidigte und bejahte, man dürfte die Hilfsbereitschaft der Deutschen nicht überbelasten. Özdemir tat hier gerade so, als ob irgendjemand Verzicht üben müsse. Hilfsbereitschaft bedeutet hier in erster Linie: Bitte zünden Sie dieses Heim nicht an. Das sollte man sogar der deutschen Bevölkerung zumuten können. Ein bisschen schwangen dort die 90er mit. Dem Rassismus begegnen, indem die Flüchtlinge weggeschafft werden.

Die Finanzierung von Frontex, die Dublin II-Verordnung, die generelle Abschottung der EU kamen kaum oder gar nicht zu Wort. Die individuellen Ursachen auch nicht. Und über die Zustände in deutschen Auffanglagern wurde dann irgendwie auch nicht mehr gesprochen. Auch nicht über Verantwortung. Verwundert muss man darüber nicht sein. Die ARD hat mit dem Wechsel von Jauch nicht nur einer Frau den prominentesten Talkplatz abgenommen, sondern auch eine politische Journalistin gegen einen Boulevardjournalisten eingetauscht. Und der öffnet nun jeden Sonntag seinen Salon des deutschen Chauvinismus, in welchem ein*e Jede*r seine Ressentiments frei vortragen darf.

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