Joachim der Gauckler

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November 3, 2014 von JoS

Da ist er wieder, der gute, alte SED-Jockel. Seit Lübbe hat die Bundesrepublik Deutschland mit Sicherheit keine so offene Darstellung von Demenz gesehen – möchte man hoffen. Und es gibt auch noch Zustimmung, im Deutschlandfunk zum Beispiel. Zwar kennt die Kommentatorin Gundula Geuther das Wahlergebnis in Thüringen nicht, dafür aber behauptet sie die alte Mär von Gaucks biographisch fundierten Freiheitsbegriff. Freiheit, nun, das ist nach Gauck die Freiheit des Kapitals, die Freiheit des Krieges – aber nicht die Freiheit des Individuums. Freiheit ist bei Gauck kein positiver, sondern ein negativer Begriff. Und die Negation ist eindimensional: Freiheit von der SED.

Für Gauck war die Stasi unerträglich. Die NSA, deren Spionageprogramme umfassender und weitreichender sind, findet er in Ordnung. Nun, die legen auch keine Akten an. Was eine Festplatte ist oder gar ein Server scheint Gauck bisher leider Niemand erklärt zu haben.

Gauck ist ein Reaktionär. Die DDR gefiel ihm nicht, weil er dort nicht zur herrschenden Klasse gehörte. Alles andere ist durchsichtiges Geschwätz. Die Macht des Wortes, auf die Gauck so viel setzt, setzt er nicht für progressive freiheitliche Thesen ein. Er will auch keine Aufklärung. Eine systemtreue FDJlerin als Kanzlerin ist für Gauck in Ordnung, ein systemkritischer Oppositionsführer ist ihm ein Dorn im Auge. Dass innerhalb einer gelenkten Demokratie auch Oppositionsparteien eine systemstützende Funktion haben, übersieht Gauck gerne.

Und noch etwas ist mit Gauck. Gauck ist im kalten Krieg hängen geblieben. Für ihn gibt es den guten Westen und den bösen Osten. Die alten Bilder, wie Heribert Prantl gelungen ausführt, funktionieren noch. Die USA sind die Freunde, die Russen die Feinde. Themen gibt es bei Gauck nicht. Braucht es auch nicht. Das Schlagwort Freiheit ist, sehr us-amerikanisch eben, ein politischer Selbstzweck. Rassismus, soziale Verelendung, Überwachung und Kriege sind alle hinzunehmen, wenn sie in einer freien Gesellschaft stattfinden.

Gauck belebt aber auch ein altes Narrativ erneut. Das Narrativ der zwei Diktaturen auf deutschem Boden. Die DDR als Drittes Reich light. Wenn es um den Kampf der Systeme geht, dann war der Reaktion auch eine Euphemisierung des Holocauts recht. Schon immer. Da darf ein Nazi Kanzler werden, ein anderer Ministerpräsident. Alles nicht so schlimm. Die personelle und ideologische Fortsetzung des Faschismus in manchen Teilen der CDU ist dem Bundesgauck egal – war ja niemand in der SED.

Und überhaupt: Sollte sich Gauck nicht für Ramelow freuen? Ramelow, der juristisch gegen seine rechtswidrige Überwachung kämpfen musste? Ramelow der sich gegen die Bedrohung durch den Überwachungsstaat lautstark zur Wehr gesetzt hat? Nein, nein. Das war ja der gute Staat, der, der keine Akten anlegt, sondern Festplatten hat.

Zu behaupten, Gauck wäre unhaltbar, ist aber dennoch falsch. Gauck repräsentiert die BRD im wahrsten Sinne des Wortes. Blind gegen die Gegenwart bemüht er alte Geschichten, um sich aktuellen Problemen nicht widmen zu müssen. Und ein kleines Bonbon des politischen Amüsements bietet die Situation auch: Während die Grünen, wie auch beim Asylkompromiss, auf Seiten der Reaktion stehen, stellt sich die SPD auf die Seiten der Progression. Stellt sich nur die Frage, ob das jetzt ein Linksruck in der SPD oder ein Rechtsruck bei den Grünen ist. Tendenziell eher letztes. Zur Feier des Tages höre ich jetzt noch den ganzen Tag Westernhagen. Der Freiheitsbegriff scheint komplexer, als der Gaucks.

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