Warum man sich mit der GDL solidarisieren sollte

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November 5, 2014 von JoS

Vorweg: Nein, ich habe keine Lust auf den nächsten Streik. Ganz und gar nicht. Das bedeutet auch für mich große Umwege und deutlich längere Fahrzeiten. Zumeist brauche ich mehr als doppelt so lange, um meine geplanten Destinationen zu erreichen. Das macht keinen Spaß, vor allem, weil die anderen Verkehrsmittel in diesem Zeitraum auch nicht an Zuverlässigkeit zulegen. Und wäre ich, wie es beim letzten Ausstand der Fall war, beinahe einige Kilometer weg von daheim gestrandet, ich wäre sicher erzürnt. Einer Gewerkschaft allerdings einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie gewerkschaftliche Aufgaben wahrnimmt, ist blanker Hohn.

Über die spezielle Lage der gewerkschaftlichen Arbeit bei der deutschen Bahn hat Jens Berger auf den nachdenkseiten einen hervorragenden, historischen Beitrag geliefert, der nicht zuletzt mit dem Vorwurf aufräumt, dass die Eisenbahner die deutsche Bevölkerung für ihre eigenen, vollkommen überzogenen Interessen in Anspruch nähmen. Eine Schlüsselposition zu nutzen, um andere verwandte Berufsgruppen, deren Streiks nicht so augenfällig wären, in die Verhandlungsmasse mit aufzunehmen ist nicht egoistisch, es ist solidarisch.

Wo der Hase eigentlich im Pfeffer liegt, zeigen Aussagen aus einer Partei, die ursprünglich einmal als gewerkschaftsnah galt. So lässt sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig laut ZEIT mit der Aussage vernehmen, dass der Streik eine „Gefährdung unseres Wohlstandes“ sei und schließlich: „Eine verantwortungsvolle Gewerkschaft würde sich nicht so verhalten“. Verantwortungsvolle Gewerkschaften, das sind laut SPD wohl jene, die Kurzarbeit und Lohnkürzungen ohne späteren Ausgleich nach einem Aufschwung zugestimmt haben. Gewerkschaften also, die nicht die Interessen der Arbeitnehmer*innen durchsetzen, sondern für Ruhe im Betrieb sorgen.

Ich persönlich will keine französischen Verhältnisse, in denen der Streik gerne einmal vor der ersten Verhandlungsrunde durchgeführt wird. Aber ich halte es für angebracht, wenn Produktionsmittel im Tarifkonflikt stillgelegt werden. Es ist nicht nur das Recht der GDL zu streiken, sondern es ist ihre Pflicht. Und es macht betroffen, dass sie dafür auch von anderen Gewerkschaftsverbänden angefeindet wird. Wie prekär die Situation im Arbeitskampf tatsächlich ist, zeigt nicht zuletzt die Reaktion der Bundesregierung. Die Androhung einer Reformation der Tarifautonomie hin zu einer Tarifeinheit hängt wie ein Damoklesschwert über den Verhandlungen. Die dahinterstehende Aussage ist klar: Nutzt ihr euer Recht nicht so, wie wir es wollen, dann nehmen wir es euch wieder weg.

Dieser massive staatliche Paternalismus zugunsten von Arbeitgeber*innenverbänden vermag dabei aber eigentlich auch nicht zu erstaunen. Und es kann ebenso wenig erstaunen, dass die SPD wieder an vorderster Front dabei ist. Der GDL-Streik mag unangenehm sein. Aber so sind Streiks eben. Und ein Streik, der Niemanden trifft, ist sinnlos. Also vielleicht einfach mal eine Kanne Tee kochen, ein paar Brote schmieren und zur nächsten abgestellten Lok bringen. Immerhin scheint die GDL im Moment die letzte relevante Gewerkschaft zu sein, die sich noch gewerkschaftlich betätigt.

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