Religiöser Blackflash

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Januar 18, 2015 von JoS

Ich habe heute die Tagesschau gesehen, das war spannend. Zwei Mal islamischer Terror, einmal Antisemitismus und einmal Papst. Gleich vier Berichte, die religiös konnontiert waren – und das in 15 Minuten inklusive Sport und Wetter. Die Religion feiert ihr großes Revival. Und das auf unterschiedliche Arten. In Dresden entdecken Tausende ihr Christentum neu, im postsowjetischen Russland ist die orthodoxe Kirche zu einem der wichtigsten Legitimationsträger geworden, in Israel soll die religiöse Ausrichtung nach Willen des stärksten Partei darüber entscheiden, ob man ein*e vollwertige*r Bürger*in sei und auch in Deutschland ruft die Kanzlerin zu mehr christlichem Selbstbewusstsein auf.

Als aufgeklärter Mensch kann man sich an dieser Stelle gerne hinstellen und gutmütig lächelnd mit dem Kopf schütteln. So falsch ist diese Idee nicht. Wer sich nicht in Kontingenzbewältigung übt, der denkt früher oder später darüber nach, ob er seine eigene Existenz nicht lieber beenden sollte. Insofern ist die Suche nach dem ‚Sinn‘ – nicht nur als metaphysisches Konzept – eine absolut verständliche Überlebenstaktik. Die Religion in einem laizistischen Staat, verstanden als persönliche Krücke zum Selbsterhalt, ist also etwas duchaus unterstützenswertes.

Die neue Religiösität, die wir aktuell erleben, ist aber anders gestaltet. Sie artikuliert sich nicht in dem Drang in Kirchen zu heiraten (und ansonsten die eigene Religiösität lebenspraktisch zu vernachlässigen) oder mit der sexuellen Aktivität bis zur Ehe zu warten. Sie artikuliert sich in einer administrativen Selbstverständlichkeit, die die Frage aufwirft, ob wir die Texte Renaissance und der Aufklärung nicht laut im Radio verlesen lassen sollten. Sie erschafft semantische Konzepte wie ‚religiöse Gefühle‘, die nichts anderes sind, als ein Aufklärungsverbot. Und sie baut Gräben.

Daniel Schulz hat – dankbarer Weise – in der taz noch einmal kurz darauf hingewiesen, dass Reigionen totalitäre Ideologien sind. Sie stehen außerhalb der demokratischen Praxis des Kampfes um das bessere Argument. Darum meint Schulz: „Glaube muss lächerlich gemacht werden dürfen, wenn er in demokratischen Gesellschaften existieren will. Es ist die einzige Möglichkeit, das Unverhandelbare, die höhere Wahrheit auf Augenhöhe herunterzuholen und, eben weil sie sich so hoch oben wähnt, auch noch ein bisschen weiter nach unten.“

Es stellt sich daher die Frage, wie mit diesem Comeback der Religiösität umgegangen werden soll. Satire ist ein gutes Mittel; ein notwendiges und wichtiges. Wichtig wäre es aber auch, und da folge ich Schulz, mit unnötigen Differenzierungen aufzuhören. Und nein, man muss natürlich widersprechen, wenn jemand meint, die gemäßigten Muslime sollten sich vom IS-Terror distanzieren. Es würde auch Niemand verlangen, dass sich Katholik*innen und Erika Steinbach distanzieren oder Jüd*innen von Avigdor Liebermann – oder, dass Protestant*innen immer vor ihrer Fahrt eine Atemalkoholprobe abgeben sollen. Aber man sollte diesen Unsinn mit den religiösen Gefühlen, und das sagte ich bereits zu einem ganz anderen Zeitpunkt, endlich einmal beiseite lassen.

Religion ist nichts anderes als ein rethorisches Mittel gegen, man entschuldige diesen existentialistischen Einschlag, das Absurde. Das ist legitim. Aber die eigene Religiösität darf niemals zur Apologetik einer Dogmatik werden – geschweige denn deren Akzeptanz durch Andere fordern. Eine religiöse Gemeinschaft ist, mutatis mutandis, auch nichts anderes als ein Fußballverein. Da muss man durch Schmähgesänge eben durch. Und die kommen zumeist, wenn es eh schon bitter ist…

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