Capslock und Invektive

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Januar 22, 2015 von JoS

Ich spiele manchmal ein Spiel. Es ist ein ganz amüsantes Spiel, weil man es sowohl 30 Sekunden als auch eine Stunde spielen kann. Man kann es allein tun und mit verschiedenen Personen, im realen Leben und digital vermittelt. Ich nenne das Spiel „Volksverhetzungsbingo“. Das Spiel ist ganz einfach: Man lese die Überschrift und den Teaser eines Artikels der Jungen Freiheit (alternativ auch jedes anderen Publikationsorgans der Rechten) in einem sozialen Network und tippe, der wievielte Kommentar wohl einen volksverhetzenden Inhalt habe. Dann öffnet man das Kommentarfeld.

Zugegeben: Das Spiel kann schnell einmal langweilig werden. Mit jeder Zahl >5 hat man eigentlich schon keine Chance mehr. Aber es gibt Möglichkeiten, das Spiel zu erweitern. Etwa, wenn Differenzierungen eingebaut werden. Der erste homophobe Kommentar, der erste Fremdregierungskommentar, das erste Aufkommen des Akronyms EUDSSR und so weiter. Fest steht, dass man sich auf diese Weise besser durch die Kommentarspalten arbeiten kann.

Besonders auffällig ist dabei, dass ein Kommentar in jenem Spektrum immer über mehrere Bestandteile verfügt, die alternierend, manchmal aber auch vollständig, in Erscheinung treten. In jedem Falle wichtig ist die Missachtung der Groß- und Kleinschreibung. Überhaupt gilt orthographischer Anarchismus offenbar als Zeichen ostentativer Empörung. Weiterhin wichtig ist die Nutzung von Gesamtgroßschreibungen an merkwürdigen Stellen. Der deutsche Kommentator hat zudem ein gutes Gefühl dafür, wieviele Satzzeichen in seinen Beitrag gehören – allerdings ein sehr mangelhaftes dafür, um welche es sich dabei handele oder an welche Stelle sie gehörten. Oder anders gesagt: Ausgelassene Kommata, Semikola, Spiegelstriche usw. werden einfach durch eine ausreichende Zahl von Ausrufezeichen am Satzende kompensiert. Ein Beispiel?

Kommentar JF1Das hier vorgestellte Beispiel ersetzt die Ausrufezeichen durch eine übermäßige Punktierung. Diese Punktierung wird allgemein gerne zur Markierung einer Parenthese benutzt. Die am häufigsten verwendete Form von, nun, so etwas wie Nebensätzen.

Doch – ich will an dieser Stelle immerhin objektiv bleiben – nicht jede dieser Schrift-/Satzzeichenkombinationen lässt auf einen Schulabbruch nach Klasse drei tippen. Es gibt auch wahre Kunstwerke, die eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Bild und Text und Textbild vermuten lassen. Zumindest fiele mir für ein solches Beispiel keine andere Erklärung ein:

Kommentar JF2

Fast ein neuer Morgenstern.

Der letzte und vielleicht sogar wichtigste Aspekt in einem solchen Kommentar ist jedoch die inflationäre Nutzung von Invektiven. Das Schöne ist: Der Feind sitzt überall. Die USA, die Juden, die Muslime, Israel, Iran, die Regierung, die EU, die Medien, das Kapital, die Religion überhaupt, die Gutmenschen, die Homolobby, die Feministinnen (zumeist der einzige Begriff, der überhaupt im Feminimum erwähnt wird), Genderisten, Vegetarier, Raucher, Nichtraucher, usw. usf. Beleidigt werden kann grundsätzlich Alles und Jede*r. Selbiges gilt natürlich auch für die Schuldzuschreibung. Außer bei AfD und PEGIDA. Die sind gut.

Die von mir gewählten Beispiele entstammen übrigens alle aus den Kommentarfeldern der Jungen Freiheit. Einer Wochenzeitung also, die normal am Kiosk ausliegt und deren Chefredakteur den öffentlich-rechtlichen Medien auch einmal ein Interview gibt. Eine Zeitung übrigens, die wenn man sie einmal liest, zwar durch ultrakonservative Meinungsbeiträge aus der Redaktion nervt, ansonsten aber primär bemüht ist, Agenturmeldungen umzuformulieren. Eine Zeitung übrigens auch, die sich selbst als intellektuelles Flagschiff der Neuen Rechten sieht.

Wenn es um die Neue Rechte so bestellt ist, so denke ich nicht, dass wir uns vor einer offenen Debatte fürchten müssen. Wenn wir wie sie zu führen bereit sind. Hätte Oertel bei Will anstatt bei Jauch gesessen, so wäre sie sicher ziemlich auf die Schnauze gefallen. Also, Mut zur Lücke und ab in die lebedinge Diskussion. Das natürlich nicht in irgendwelchen rechten Foren. Holt die Leute auf die Bühne, setzt strikte Themen. Natürlich kochen sich Stimmungen im eigenen Saft besonders gut. Das endet aber nicht, wenn man die Küchentür schließt.

Und ja, das ist auch kein konstruktiver Debattenbeitrag. Der wird aber auch nur im eigenen Saft verrührt, äh, gelesen.

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