Anti, Anti – Grüne Theoretisierungsversuche

1

März 9, 2015 von JoS

Auch bei der Grünen Jugend versucht man sich gelegentlich einmal in der alten linken Tugend der theoretischen Auseinandersetzung. Die Probleme der Welt lassen sich eben nicht nur mit ein bisschen Glitzer und anderen Infantilitäten lösen. Marvin, der hier auch ein paar Beiträge verfasst hat, hat sich nun im Mitgliedermagazin der Grünen Jugend zum Thema Antiamerikanismus, der, zumindest seiner Meinung nach, „aktuell mehr als sonst en vogu“ sei, geäußert.

Bei den Hasstiraden gegen sogenannte ‚Putinversteher‘, merkwürdigen Putin-Hitler-Vergleichen und dem ewigen Schwur auf die sogenannte westliche Wertegemeinschaft vermag dies verwundern. Aber eigentlich ist es nur die konsequente Fortsetzung des Kalten-Krieg-Trips, welchen die Mutterpartei im Moment fährt. Der Russe steht wieder vor der Tür, da muss man zusammenhalten. Und dann beginnt die lustige Interpretation. Marvins These zum Beispiel ist, dass eine Ablehnung der amerikanischen Wegwerfgesellschaft durch 72% der deutschen Befragten von einer antiamerikanischen Haltung zeugt. Gut, jeder, der jetzt nicht Blockpropaganda betriebe, freute sich darüber, dass in Deutschland inzwischen Mülltrennung, Wiederverwertung und Nachhaltigkeit fest im Denken verankert sind. Wer diese Blockpropaganda jedoch zu bemühen versucht, der unterstellt den Befragten, sie fänden US-Amerikaner*innen generell einfach scheiße.

Die Konstruktion des Widerspruchs zwischen deutscher Selbstgefälligkeit und amerikafeindlichen Ressentiments will von daher auch nicht gelingen. Zumindest nicht, wenn man die tagespolitische Diskussion verfolgt hat. Zum Beispiel NSA:

Während die Kritik an der Überwachung der NSA natürlich nachvollziehbar und berechtigt ist, wurde in der medialen Debatte schnell davon geredet, dass die USA der Überwachungsstaat schlechthin seien und die ganze Welt ausspionieren wollen.

Soweit so gut. Die USA, so muss man aber feststellen, sind in diesem Sinne nur ein totum pro parte für die verantwortlichen administrativen Instanzen.  Und über deren Praktiken kann man genau so urteilen. Auch zeigen die Anhörungen vor den zuständigen Ausschüssen des US-Senats, wie auch der Eifer, mit welchem die US-Dienste den Geheimnisverrätern nachjagen, dass es sich hier kaum um ein sonderlich hyperbolisches Narrativ handelt. Dass Nachrichtenmagazine Inhalte, auch sprachlich, komprimieren, ist klar. Dass die Stoßrichtung dennoch ihre Richtigkeit haben wissen aber die, die ihre Informationen nicht nur aus den 1Live-Nachrichten gewinnen. Weiter heißt es dann:

Das hier die europäischen Geheimdienste wie der BND ordentlich mitmischten und die Bundesregierung die Vorratsdatenspeicherung einführen will, spielt hier keine oder nur eine mehr als untergeordnete Rolle.

Dies ist tatsächlich bedauerlich. Dass die Bundesregierung stets versucht hat die Spionageverantwortung auf die vermeintlichen Freunde abzuwälzen entspricht aber nur einem politischen Spiel, welches wir aus der Kindheit kennen: Wenn was kaputt ist, dann schnell auf jemand Anderen zeigen. Die deutsche Debatte um die Vorratsspeicherung wäre jedoch einer besonderen Betrachtung wert. Hier geht es jedoch um eine deutsche Sonderdebatte, konservative Wünsche und eine Auseinandersetzung mit EU-Rahmenregeln. Dass es der CDU allerdings tatsächlich immer wieder gelingt das Thema vom Tableau zu schieben und auch in Deutschland die Arbeit der Geheimdienste weitgehend kontrollfrei verläuft ist traurig – hat aber mit den USA an sich erstmal rein garnichts zu tun.

Aber es geht noch weiter. Kapitalismuskritik ist irgendwie auch immer antiamerikanisch. Weil man stereotypisiert. Oder im Wortlaut:

Dass Zinsen, Arbeit, Wert und Ausbeutung typisch für Kapitalismus sind, scheint die Antiamerikaner*innen nicht zu interessieren. Ferner personalisieren die Antiamerikaner*innen ihre vermeintliche Kapitalismuskritik, in dem sie wahlweise der Wallstreet, den Spekulant*innen oder den 1% die Schuld für die Krisen des Kapitalismus zuschieben.

Dass man hier aus dem Anti-D ins Anti-Imp-Lager schießt darf man erstmal als kleine Kontroversenfolklore verstehen. Interessanter ist die Frage einer Kapitalismuskritik. Die deutschen Medien neigen selten dazu neomarxistische oder anderweitig linksradikale Gesprächszirkel einzuladen. Müssen sie auch nicht. Spekulat*innen, die 1% oder die Wall Street sind allerdings keine antiamerikanischen Stereotypisierungen, sondern Metaphern oder Bilder. Die Wall Street ist noch immer DAS Bild für den Finanzkapitalismus und die besagten 1% sind zu einem Symbol für die Ohnmacht der Masse vor den wenigen Mächtigen geworden. Will Marvin diesen Weg gehen, dann ist er auf den Spuren der lustigen Linksextremismusstudie. Und das wäre bitter. Aber was ist eigentlich mit den Spekulant*innen? Antiamerikanischer Stereotyp? Keineswegs! Der Spekulant ist eine große, reaktionäre Apologie auf den Kapitalismus. Ob Marktwirtschaft, soziale-, freie-, freie und soziale Marktwirtschaft oder Rheinischer Kapitalismus. Der Spekulant ist nicht per se Amerikaner. Der Spekulant ist der böse Mensch, der den schönen Kapitalismus kaputtmacht. Das ist nicht antiamerikanisch, das ist denkfaul entschuldigt.

War noch was? Achja, Antiamerikanismus ist ja irgendwie auch, aber nicht immer, und auch nicht ganz, aber so irgendwie ja doch auch antisemitisch. Aber gut, das Thema musste man verwenden. Es bleibt da nur noch der Witz von Lewinsky: Was ist der Unterschied zwischen einem Antisemiten und einem Philosemiten? Der Erste will dich erwürgen, der Zweite umarmen. Aber beide rauben dir die Luft. Naja, egal.

Zuletzt zeigt sich der Antiamerikanismus natürlich noch in einem Kulturchauvinismus.

Die USA gelten dann als durch und durch künstlich. Als Beispiele werden in Deutschland gerne aufgeführt, dass die USA billige Pop-Musik, Hamburger und Coca-Cola habe, Deutschland hingegen Beethoven, Goethe und Schloss Neuschwanstein.

Inwiefern ein Schloss wie Neuschwanstein nicht künstlich sein soll, das muss Marvin erklären. Und auch, warum die meisten Menschen eigentlich Gründerzeit-Häuser so schön finden. Aber halten wir uns auch damit nicht lange auf. Richtig ist aber, dass es durchaus kulturstereotypische Vorstellungen gibt. Der französische Film ist ein perfektes Beispiel dafür. Als frankophones Projekt. Und ja, den Konservativen waren die USA lange ein Dorn im Auge. Burger, Coca Cola und, nun nicht Pop-, aber eben Rockmusik, waren Sehnsuchtsorte der Jugend. Die Ablehnung ist also weniger antiamerikanisch, als mehr spießig. Ein kleines Geheimnis muss Marvin mir aber mal verraten: Warum er als Beispiel dafür, dass die USA nicht flach seien, nichts anderes anbringen kann, als flache, popkulturelle Werke. Vielleicht ein antiamerikanisches Ressentiment? Ich möchte nicht mutmaßen. Die Einspielung des wohltemperierten Klaviers durch Glenn Gould wäre ein besseres Beispiel dafür gewesen, wie europäisches Kulturgut in seiner us-amerikanischen Interpretation im alten Europa gefeiert wird.

Am Ende bleibt von dem ganzen Antiamerikanismus nicht viel. Viel mehr bleibt das Gefühl zurück, dass nicht einmal eine marginale Kenntnis über us-amerikanische Debatten vorhanden ist. Aber das liegt daran, dass es offenbar leichter fällt, sich den bemerkenswert einfachen reaktionären Mustern anzupassen, statt sich in Debatten einzulesen. Das ist sehr schade, aber das wird mit der Zeit, zumindest bei Marvin bin ich da guter Hoffnung, noch folgen. So weit, schön mal wieder einen Text von Marvin gelesen zu haben!

Advertisements

Ein Kommentar zu “Anti, Anti – Grüne Theoretisierungsversuche

  1. TheTerrorist sagt:

    Ouch!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: