Lebenszwang und emanzipative Politik

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März 11, 2015 von JoS

Es gibt Themen, die, obwohl sie dafür prädestiniert sind, in einer linken Debatte selten vorkommen – und schon garnicht an prominenter Stelle diskutiert werden. Das Lebensende ist eines dieser Themen. Der Bundestag hebt für das Thema Sterbehilfe etwa den Fraktionszwang auf. Und von linker Seite kommen äußerst konservative, nahezu reaktionäre Beiträge. Und dazu sei gesagt: Es handelt sich hier um passive Sterbehilfe, am Rande auch um Suizidassistenz. Wirklich brisante Themen wie die aktive Sterbehilfe kommen garnicht erst vor, sind tabuisiert.

Zwar ist man sich in der Debatte einig, dass das Recht auf Leben keine Pflicht für selbiges bedeute; gleichwohl wird die Entscheidung zum Suizid generell pathologisiert. Ich hatte bereits im Juli letzten Jahres einen Beitrag dazu publiziert. Die Reaktionen ergaben sich in Anfeindungen – bis hin zum Vorwurf der Eugenik. Dabei waren meine Thesen nicht einmal sonderlich radikal. Der Artikel schloss mit diesem Statement:

Ein Appell für einen entspannteren und liberaleren Umgang mit dem Suizid bedeutet also nicht den Suizid als den Weg des Todes zu beschreiben. Es bedeutet auch nicht, Suizidprävention und Therapie von psychischen Krankheiten abzulehnen. Es bedeutet lediglich, Menschen als Menschen und nicht als Fälle eines medizinischen Problems zu begreifen. Und das dürfte keinesfalls eine radikale Forderung sein.

Aus linker Perspektive, etwa bei dem Versuch Utopien zu entwerfen, spielt die Frage, ob es innerhalb dieser Vorstellungen auch Platz für solche gebe, die sich dem Leben vollständig entziehen wollen, aber offenbar keine Rolle. Dabei ist die Frage virulent. Denn selbst in einer optimalen Gesellschaft ist das Problem der Absurdität, im Sinne von Albert Camus, keineswegs gelöst.

Entsprechend stellt sich auch die Frage nach dem Recht, und ich spreche hier wirklich vom Recht, auf Prävention. Zwar halte ich es für relevant, auf suizidale Tendenzen zu achten, gleichwohl bleibe ich bei dem, was ich vor einiger Zeit in einem Essay schrieb:

Die Auseinandersetzung mit dem Suizidär, die ernsthafte Konfrontation,
der Austausch von Argumenten jedoch sollte Teil eines wohlerzogenen Suizidwunsches sein.

Die Aufgabe der Prävention wäre es in diesem Falle nur noch, die Ernsthaftigkeit des Suizidwunsches zu prüfen. Auch wenn ich, so schwer mir dies auch in manchen Fällen konkret zu begründen scheint, sogar der Meinung bin, dass, da einem Nicht-Seienden kein Leid angetan werden kann, es im Zweifelsfall eher zu empfehlen wäre einem Suizidwunsch zuzustimmen, als diesen abzulehnen. Mag diese Haltung erst irritieren, so bitte ich zu beachten, dass der, dessen Haltung dem Leben gegenüber eher negierender Art  ist, seine Fortexistenz in gleicher Weise begründenswert finden, wie jene Personen, die eine eher affirmierende Einstellung zu selbigem haben, die Entscheidung auf die Beendigung der Existenz.

Wenn man den Suizidwunsch als gleichwertig begründbare Positionen ansieht, so stellt sich auch die Frage, inwiefern die Gesellschaft für die Erfüllung beider Bedürfnisse verantwortlich ist. Ein Verweis auf die Straffreiheit des Suizids hilft hier kaum. Sie gleicht einer Don’t as, don’t tell-Regelung. Wer sich erfolgreich suizidiert kann nicht mehr in die Verantwortung geholt werden, wer es erfolgslos versucht wird durch das PsychKG entmündigt.

Eine Auseinandersetzung aus emanzipativer Perspektive müsste von daher den Suizidwunsch entpathologisieren. Sie muss nicht zu einer prosuizidellen Haltung enden, aber abweichende Bedürfnisse zu beachten und schützen wissen. Die sich offenbarende Angst vor dieser Angst scheint mir unbegründet. Aber vielleicht schafft man es sonst nicht zum Sisyphos.

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