Offener Brief an einen unbekannten Polizisten

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März 22, 2015 von JoS

Julia Schaaf hat in der FAZ die Ausführungen eines Polizisten dokumentiert, welcher bei den Protesten in Frankfurt dabei war. Man könnte vieles in diesem Dokument abtun, könnte abwinken und es dabei belassen. Das ist nicht meine Art, daher die Antwort – und ein tatsächlich ernst gemeintes Gesprächsangebot.

Sehr geehrter Herr X,

ihren Darlegungen zufolge gehe ich zumindest davon aus, dass sie ein männlicher Polizeibeamter sind. Sollte ich fehlgehen, so bitte ich dies zu entschuldigen.

Ich muss zugeben, hätte ich ihren Brief noch vor einigen Jahren gelesen, ich wäre erzürnt gewesen. Mein Zorn hätte sich jedoch nicht auf die gleichen Personen gerichtet wie der ihre, sondern auf sie. Auf die Selbstgerechtigkeit, mit welcher sie Legitimationsfragen umgehen, über den weinerlichen Ton des braven deutschen Beamten, der doch nur seine Pflicht tue. Oder ich zitiere einfach Sie selbst:

Trotzdem muss man funktionieren. Die Pumpe geht, man ist wütend, schockiert, um die Kollegen besorgt. Aber man muss einsatzfähig bleiben. Ich muss psychisch und physisch in der Lage sein, den nächsten Befehl entgegenzunehmen. Wie ein Roboter.

Befehle ausführen, sie nicht hinterfragen, einfach funktionieren. Das sind sehr deutsche Tugenden. Oder zumindest vermeintliche Tugenden. Der deutsche Beamte ist der Prototyp des deutschen Bürgers: Fleißig, arbeitsam und gefügig. Sie sagen selbst, dass es nicht ihre Aufgabe sei, Befehle zu hinterfragen. Und dann fragen sie sich, warum sie als bloße Objekte wahrgenommen werden?

Bevor diese Unterstellung überhaupt aufkommt: Nein, ich hieße es nicht gut, wenn Polizist*innen bei Demonstrationen mit Tötungsabsichten angegriffen würden. Nicht einmal, wenn es die Absicht zur ernsthaften Verletzung gebe. Doch ich spreche im Konjunktiv, denn wichtig ist auch eines: Zwei Dinge werden seit wenigen Jahren nach großen Eskalationen immer wieder bemüht: Die Angriffe mit ‚ätzenden Säuren‘, welche sich regelmäßig als Verletzungen durch eigenes Reizgas entpuppen, und die Angriffe auf besetzte Streifenwagen, die ständig unbewiesen bleiben, aber dennoch immer wieder bemüht werden. Vielleicht sollten wir daher diese PR-Äußerungen der polizeilichen Pressestellen außen vor lassen und uns mit der tatsächlichen Konfrontation befassen.

Ich war dieses Jahr nicht in Frankfurt, aber habe doch schon die eine oder andere Demo erlebt. Auch solche, auf denen Steine flogen und mit CS-Katuschen geantwortet wurde und auch solche, auf denen CS-Katuschen flogen und mit Steinen geantwortet wurde. Sie beschreiben auch eindringlich ihre Ausrüstung. Eine Ausrüstung, die mich als Demonstranten wehrlos macht. Sie schlagen mit verstärkten Handschuhen zu, die geeignet sind Knochenbrüche und innere Verletzungen zur Folge zu haben – selbiges gilt für ihre sogenannten Mehrzweckeinsatzstöcke. Und sie schießen mit immer mehr Tränengas um sich, welches geeignet ist Langzeitschäden zur Folge zu haben, deren Wirkung noch Jahre später zum frühen Tod führen kann. Als bei den Protesten gegen die Startbahn West Reizgas eingesetzt wurde war die Empörung groß – heute sind diese polizeilichen Einsatzmittel ein Standard. Sie haben aufgerüstet. Aber Pflastersteine sind noch immer Pflastersteine.

Ich verlange von Ihnen nicht, dass sie das verstehen. Glauben Sie mir, wäre ich an ihrer Stelle, ich verstünde es auch nicht. Ich wüsste nicht, warum ich so objektviert wäre, warum ich für mein Gegenüber aufhöre, ein Mensch zu sein. Aber ich bin nicht in ihrer Uniform, ich stehe, wie auch viele Demonstrant*innen am vergangenen Mittwoch, dieser Uniform gegenüber. Einem schwarzen Panzer, der schwer bewaffnet ist. Wenn ich Glück habe sehe ich noch ihre Augen unter dem Helm. Manchmal nicht einmal die. Sich unter diesen schwarzen, anonymen Panzern, welche, zumeist in Gruppen, mit brachialer Gewalt in Demoblöcke einfallen, Menschen vorzustellen, ist schwer. Warum sollten Menschen das tun? Warum sollten sie Neonazis den Weg freiprügeln? Warum sollten sie Finanzeliten, denen diese schwarzen, vermummten Massen mit ihren Schlagstöcken und Quarzsandhandschuhen genauso fernstehen wie mir, es ermöglichen, ihre Politik der Verarmung ohne spürbaren Protest ermöglichen. Bzw: Warum ermöglichen sie ihnen auch noch das Elend von Millionen Menschen in Europa zu feiern. Ihre Antwort darauf ist einfach: Es ist ihre Pflicht.

Aber mit der Pflicht ist es eben nicht so einfach, wie sie es sich machen. Es gibt eine aufgeklärte und eine unaufgeklärte Pflicht. Den Begriff der Pflicht, so wie Sie ihn verstehen, kann man nur als unaufgeklärt bezeichnen. Die Entmenschlichung der Polizist*innen findet als nicht durch die Demonstrant*innen statt, sondern durch das System, für das Sie, wie Sie es richtig sagen, den Kopf hinhalten. Durch ihren Korpsgeist, der sie der Rechtsstaatlichkeit enthebt, wenn sie straffällig werden. Durch ihre Gewerkschaften, die Anonymisierung und Aufrüstung wollen, durch ihre Ausbildung, die ihnen suggeriert, dass kritische Polizeiarbeit nicht ihrem Dienst entspräche.

Das Problem ist weder die Gewalt der einzelnen Demonstrant*innen, noch die Gewalt der einzelnen Beamt*innen. Das Problem ist die immanente Gewalt des Systems in welchem wir leben, eines Systems, das uns aufeinanderhetzt. Genauso wie es Polizist*innen gibt, die sich mit sadistischer Freude in Straßenschlachten schmeißen, gibt es auch Demonstrant*innen, die das Selbe tun. Aber das sind nur wenige. Und nur wenige von denen, die tatsächlich an gewalttätigten Auseinandersetzungen teilnehmen.

Sehr geehrter Herr X, dies ist ein ernsthaftes Gesprächsangebot. So wenig wie sie von mir angegriffen werden wollen, so wenig möchte ich von ihnen angegriffen werden. Doch wer weiß? Vielleicht haben Sie mir sogar schon einmal ins Gesicht geschlagen? Vielleicht habe ich schon einmal gegen eine Polizeikette gepresst, in der sie standen. Säßen wir in einer Bahnhofshalle zusammen, wir würden uns wohl nicht wiedererkennen. Nur bitte ich sie um eines: Fragen Sie sich doch, ob es sich lohnt, für dieses System den Kopf hinzuhalten. Für eine politische Elite, die sich der politischen Auseinandersetzung entzieht. Für eine Fiskalelite, die sich um die Vermögen der Milliardäre mehr bemüht, als um das lebensnotwendigste für die Armen der Welt. Und fragen Sie sich doch bitte vor allem eines: Warum ist es ihrer Ansicht nach für 15-jährige Mädchen geeigneter sich in der Bravo über süße Jungs zu informieren, als sich politisch zu bilden?

Ich hoffe Sie lesen diese Worte. Und natürlich bin ich bereit diesen weitere Folgen zu lassen. Ohne Helm, ohne Vermummung, ohne Schlagstock und ohne Pflasterstein. Als Menschen und nicht als Repräsentanten eines Systems und der Bewegung dagegen.

Freundlichst,

JoS

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