Von Widerspruch und Affirmation

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April 24, 2015 von JoS

Mal wieder ein Beitrag, welcher mir nun so lange unter den Nägeln brennt, dass er etwas umfassender wird, als ursprünglich geplant. Gehen soll es um eine relative Widerspruchsfeiheit im eigenen Leben. Ursprünglich wollte ich mich hier auf junge Feministinnen stürzen und deren widersprüchliches Verhältnis zwischen Kommunikation und praktischem sexuellen Handeln, soll heißen: Sich selbst als feministisch zu bezeichnen, aber in der sexuellen Praxis qua Partnerwahl sexistische und chauvinistische Positionen zu stärken. Belassen wir es nicht dabei.

Das alte feministische Diktum, dass das Private politisch sei und das Politische privat, ist weiterhin aktuell. Denn es gilt zu bedenken, dass der sprachlich kommunizierte Widerspruch der sozialen Affirmation weit unterlegen ist. Reaktionären Positionen begegnet man nicht sinnvoll, wenn man Uneinigkeit artikuliert, aber diese Positionen durch sein Handeln als diskursfähig einstuft. Vollkommen verkürzt schlägt sich dies in einem anderen Diktum wieder: Kein Sex mit Nazis.

Ich hatte mich bereits schon einmal über die Theoriefeindlichkeit innerhalb der jungen Linken echauffiert. Diese Empörung schließt in gewisser Weise daran an, auch wenn dies nicht unmittelbar einzuleuchten scheint. In Linker Pop schrieb ich:

Eine Linke, die sich in Theorie und Reflexion immer weiter entbildet, die sich intellektuell verarmt und nur noch darum kämpft, wer das schönere Adorno-Zitat von sich gibt, braucht kein Mensch. Sie hilft auch nicht dabei globale Probleme zu lösen, sondern manifestiert durch ihren proklamierten Widerstand hegemoniale Machtbestrebungen, indem sie diese ungewollt affirmiert. Es geht mir nicht darum, dass man sich wieder einen Arbeitsfetisch zulegt, wie dies bei vielen linken Intellektuellen des 20. Jahrhunderts der Fall war. Aber ein bisschen mehr Interesse für das eigene politische Selbstverständnis, ein wenig mehr Reflexion im eigenen politischen Handeln und dafür etwas weniger niedliche Tiere täten vielleicht ganz gut.

Ähnlich verhält es sich auch mit der sozialen Lebenspraxis. Eine politische Meinung offensiv nach außen zu tragen, zugleich aber in der privaten Praxis diese politische Meinung zu konterkarieren bedeutet nichts anderes als eine – vielleicht ungewollte – Affirmation reaktionärer Ansichten. Im Falle der Feministinnen mit Faible für sexistische Machos mag man das vielleicht noch abtun. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein selbiger von seiner Position abbringen ließe, wenn man nicht mit ihm schliefe, ist wohl gering. Aber wie sieht es überhaupt im intimen Verkehr mit der Reaktion aus?

Wir befinden uns aktuell in einer Zeit, in der verschiedene Ressentiments wieder diskursfähig sind und Begriffe aus der radikalen Rechten im medialen Mainstream unreflektiert wiedergegeben werden. Wenn ein deutscher Innenminister das hundertfache Sterben im Mittelmeer als Kriminalitätsbelämpfungskampagne verkauft und im Wochentakt Einrichtungen für Geflüchtete Ziele von Angriffen werden, dann ist Distanzierung notwendig, wird Widerstand zur Pflicht.

Das mag nach einer abgedroschenen Phrase klingen; damit würde man dem Problem jedoch nicht gerecht. Die Biedermänner, welche den ganz unmetaphorischen Brandstiftern ihre Argumente liefern, finden sich im deutschen Kleinbürgertum, in den Springerblättern und eben auch in der organisierten, bürgerlichen Rechten. Der Widerspruch dagegen, auch der offen artikulierte, ist wichtig und sollte nicht unterlassen werden. Aber er wird zur Makulatur, wenn wir Menschen, die diese Positionen offen und aggressiv vertreten, in unsere Wohn- und Schlafzimmer lassen.

Die Frage, ob Unterkünfte brennen, Menschen im Mittelmeer ersaufen oder Homosexuelle auf der Straße angegriffen werden, hängt auch von unserem Umgang mit den Trägern von chauvinistischen und xenophoben Ansichten zusammen, vor allem dann, wenn sie aus organisierten Zusammenhängen kommen. Zu konstatieren, man äußere Widerspruch, reicht nicht nur nicht aus, sondern ist auch noch kontraproduktiv. Man suggeriert damit, dass Ansichten, die grundsätzlich gegen die Regeln einer emanzipierten Gesellschaft verstoßen, vollkommen akzeptabel sind. Oder um es radikal zu sagen: Man muss kein Flüchtlingsheim anzünden, damit es brennt. Viel gefährlicher ist die mittelbare Verantwortung, die all Jene trifft, die die ideologischen Voraussetzungen für diese Übergriffe im Diskurs halten.

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