Danke Peter – eine Apologetik auf Singer

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Mai 23, 2015 von JoS

Peter Singer kommt demnächst wieder nach Deutschland. Und er erhält dort einen Preis. Gut, ich persönlich finde diesen Preis bescheuert. Aber die Begleitmusik ist erschütternd. Im Jahr 1979 veröffentlichte Singer sein Hauptwerk, die Practical Ethics. Was Singer dort erarbeitet ist der pathozentristische Präferenzutilitarismus. Für Singer gilt in erster Linie das, was Jeremy Bentham bereits vorgedacht hat. Dieser schrieb in An Introduction to the Principles of Morals and Legislation: „The question is not, Can they reason?, nor Can they talk? but, Can they suffer?“ Auch Singer verfährt nach diesem Verfahren. Moralisch relevant ist jedes Lebewesen, welches in der Lage ist, Leid zu empfinden.

In der aktuellen Debatte klingt das anders. Beim Springerblatt Welt spricht Singer behinderten Babys das Lebensrecht ab, in der sich selbst links dünkenden Jungle World möchte Singer quasi die halbe Menschheit umlegen und in den Kommentarspalten der Huffington Post will man Singer gleich lynchen. Das interessante an der Debatte um Singer ist, dass sich seine Kritiker*innen in mehr als 35 Jahre nicht die Mühe gemacht haben, einmal sein Werk zu lesen. Also, nicht das Ganze. Nur die Grundlegung in der Praktischen Ethik. Dabei ist sein Werk ungemein zugänglich, zumeist alltagssprachlich gehalten und syntaktisch nie überkomplex. Singer ist tatsächlich ein Philosoph, der für die breite Masse lesbar ist.

Auch spannend ist, dass sich alles wiederholt. In der zweiten Auflage des Werkes von 1993 bedauerte Singer bereits die fehlende Debattenkultur in Deutschland. Dass ihm, als Juden, welcher Angehörige in deutschen Konzentrationslagern verloren hat, zudem faschistische Methoden vorgeworfen würden empfand er immer als verstörend. Tatsächlich verwundert die singerkritische Phalanx. Dass die Junge World, welche bei vielen Themen reaktionäre und konservative Ansichten teilt, dabei ist vielleicht weniger. Aber es verwundert doch, dass verschiedene progressive Köpfe dem Lebensschützerwahn anheim fallen.

Singer ist ein klassischer Linksintellektueller. Er hat Abtreibungen und Sterbehilfe in einer Zeit verteidigt, als dies noch deutlich größeren Mut verlangte. Und er hat dafür eine konsistente Theorie aufgestellt. Der Begriff des Speziesismus stammt von ihm. Und ja, wie dies in utilitaristischen Theorien immer so ist, so sind viele seiner Positionen kontraintuitiv und unangenehm. Und genau das erzeugt den Hass auf Singer. Er hat bereits vor 35 Jahren progressive Positionen weitergedacht. Weiter, als es heute die Meisten zu tun bereit sind.

Für mich persönlich war die Lektüre der Practical Ethics ein Erweckungserlebnis. Sowohl mein Vegetarismus als auch diverse bioethische Positionen, welche ich vertrete, beruhen auf seiner Idee des pathozentristischen Präferenzutilitarismus. Und ich habe noch immer an vielem zu kauen, was er sagt. Die Auseinandersetzung mit ihm ist nie leicht, oftmals verstörend. Singer gehört sicher zu den führenden Intellektuellen dieser Zeit. Die Hybris um seine Theorien beweist, dass seine Kritiker*innen sich in 35 Jahren nicht weiterentwickelt haben. Und offenbar des Lesens nicht mächtig sind.

Von daher: Danke Peter! Und mögen solche, die das Leben doch so hochhalten, dich nicht lynchen!

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