4U9525 – Reden wir über Verantwortung

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Juni 13, 2015 von JoS

Die französische Staatsanwaltschaft ermittelt und wir sind tatsächlich an dem Punkt angelangt, an welchem es sinnvoll zu werden scheint, über die Gründe für diesen erweiterten Suizid zu sprechen. Wir können inzwischen sehr sicher annehmen, dass die Antidepressiva bei dem besagten Co-Piloten nicht anschlugen. Und wir können davon ausgehen, dass er alles getan hat, um seinen Suizid zu verhindern. 41 Ärzte soll er in 5 Jahren aufgesucht haben. Das wäre etwa ein Arzt alle 1 1/2 Monate. Bedenkt man, dass die durchschnittliche Wartezeit auf einen ambulanten Therapieplatz mindestens drei Monate beträgt, ist dies schon beachtlich.

Und worüber sprechen wir jetzt? Wir wollen natürlich die ärztliche Schweigepflicht lockern. Arbeitgeber*innen sollen, so der allgemeine Tenor, das Recht haben, über die psychischen Probleme ihrer Mitarbeiter*innen informiert zu werden. Oberflächlich funktioniert dieses Argument. Natürlich sollte es bekannt sein, wenn Menschen in Verantwortungspositionen zum Suizid neigen. Nur: Der Weg in eine ambulante Behandlung ist bereits jetzt ein Risikoschritt. Geäußerte Suizidabsichten in psychiatrischen Sitzungen können vollkommen legal zu einer angeordneten Unterbringung – vulgo: Einweisung wider Willen – führen. Die Hemmschwelle überhaupt suizidal-präventive Unternehmungen zu versuchen würde also gesteigert.

Aber sprechen wir von Verantwortung. Gegen die Lufthansa wird nun ermittelt und gegen ihre Tochterfirma German Wings. Dafür gibt es sicher viele, gute Gründe. Der vorliegende Fall ist keiner davon. Besagter Co-Pilot hat, dies scheint festzustehen, versucht sich Mittel zu beschaffen, die ihm einen Suizid ermöglichen. Möglichst schmerzlos, möglichst schnell. Wir wünschen uns wahrscheinlich Alle einen solchen Tod.

Es bedarf keiner Stunde Recherche um festzustellen, dass mehrere hunderttausend Euro jährlich an Onlineapotheken fließen, die versprechen solche Mittel zu liefern – und niemals liefern. Der Markt boomt. Auch besagter Co-Pilot suchte nach solchen Mitteln. Hätte er sie legal erleben können, es hätten 150 Menschen weniger sterben müssen. Und hier liegt die Verantwortung. Wir brauchen dringend einen offeneren und ehrlicheren Umgang mit Sterbewünschen. Während wir bereit sind im hohen Alter einen Todeswunsch zuzugestehen und – in sehr engen Grenzen – diesen auch unterstützen, ist dies in früheren Lebensstadien ausgeschlossen. Hier wird der rationale Wunsch zum pathologischen Problem.

Von daher, reden wir über Verantwortung. Ich kann diese Entscheidung noch immer nicht gutheißen. Gleichwohl kann ich sie nachvollziehen. Und die tatsächliche Verantwortung liegt bei nicht bei diesem Piloten, noch bei seinen Ärzten, noch bei der Fluggesellschaft oder der Flugaufsicht. Die Verantwortung liegt bei jenen Politiker*innen, die eine Suizidassistenz verweigern. Wir sollten, um ehrlich zu sein, auch für jeden Suizid im Schienenverkehr einen Brennpunkt einrichten. Nur kämen wir aus dem Senden nicht mehr heraus. Es wird dringend Zeit. Allein dieser Fall bezeugt, dass durch eine Suizidassistenz 149 Menschenleben hätten gerettet werden können.

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